Buddhismus im Himalaya Eine philosophische Reise nach nach IndienVortrag im Museum für Völkerkunde, Hamburg, 27.
Oktober 2007
„Wenn Du Kunst studieren möchtest, dann reise nach Italien, willst Du Religionen studieren, dann mache Dich auf nach Indien!“ Wir haben uns diesen alten Ratschlag zu Herzen genommen und warten
am Flugsteig des Münchner Flughafens darauf, unseren Airbus nach Delhi besteigen zu können. Klammheimlich noch schnell eine Flasche Whisky im duty-free gekauft und ungesehen ins Handgepäck
neben das schwere Seminarskript versenkt, - schließlich gehört Alkohol zu den verfemten Toxinen, deren Genuß zu den buddhistischen zehn unheilsamen Handlungen gehört. Aber
vielleicht tut der Seelenwärmer ja auch gute Dienste bei der Temperierung des Körpers, denn nun geht es ‚allen Ernstes ins Hochgebirge’. In zwei Etappen dies, zunächst windet sich unser Bus
die engen Kurven nach Dharamsala hinauf, wir lassen das angehäufte Elend der indischen Gangesebene nun hinter uns und erreichen das auf 1800 Metern gelegene monsunfrische Dharamsala,
das Exil des Dalai Lama, der 1959 aus Tibet geflohen war und seitdem in Indien lebt. Sechs Tage später dann die zweite Station unserer Reise zum Mahayana-Buddhismus: die auf 3500 Metern
gelegene Stadt Leh im oberen Industal in der Region Ladakh, die politisch zum Bundesstaat Jammu und Kashmir gehört. Sicher interessiert es Sie, wer alles mit von der Partie ist: 19
Alpinisten des Geistes, von zwei 18-jährigen Zwillingstöchtern über Hans-Dietmar, den Kreuzfahrer-Pfarrer bis zur siebzigjährigen Kailash-Umrunderin, eine bunte Truppe mit, wie sich vor Ort
zeigen wird, hochindividuellem Couleur: Sinnsucher sind dabei, Kulturtouristen, Genussmenschen und auch solche, auf die kein Prädikat passt und die mitgekommen sind einfach so. Hier ein
unvollständiges Gruppenfoto, das uns vor der Residenz des Karmapa im Kloster Gyuto zeigt, des Oberhauptes der Karma-Kagyüpa-Schule, der Schwarzhut-Lama. Aber davon gleich
mehr, wir schauen uns zunächst noch ein wenig in dem kleinen Städtchen Dharamsala um, wo wir zwei, drei Kurven entfernt in einem Dörfchen namens Bhagsunag wohnen. Es ist ein gemütlicher
Weg von dort in das quirlige Dharamsala, an vereinzelten Teeständen vorbei, dann und wann begegnet man einem Guru und das Indien-Klischee ist perfekt. Im Zentrum angekommen stolpern
wir in eine tibetische Demonstration, die auf den von den Chinesen festgesetzten Panchen Lama aufmerksam macht, den jüngsten
politischen Gefangenen, der im Kindesalter inhaftiert worden war. Selten trennen die politischen Linien zu deutlich das Gute vom
Verwerflichen, auf jeden Fall machen wir mit, unterschreiben Petitionen und mutig - Sie sehen es! - fordern wir das mächtige China
heraus, das mit dem Bau der Eisenbahn nach Lhasa einen weiteren Schritt zur Chinesierung Tibets getan hat. So jedenfalls sehen es die Exiltibeter.
Mit der indischen Kulturgeschichte und Philosophie sind wir nun
etwas vertrauter nach ein paar Vorträgen während der ratternden Busfahrt und auch auf der sonnigen Terrasse unseres Hotels. Und so sind wir bereit für unser viertägiges Seminar am Institute of Buddhist
Dialectics, das die dortigen Lehrer – allesamt ehrwürdige Mönche des Gelbmützenordens – eigens für uns konzipiert haben. So pilgern wir jeweils am Nachmittag in die Bibliothek des Institutes im
Tempelkomplex des Dalai Lama, vorbei an den Mönchsklausen mit den vor den Türen wartenden Plastiksandalen. Das Oberhaupt der Tibeter hatte es 1973 gegründet mit dem ausdrücklichen Wunsch,
die dort Studierenden mögen ihre buddhistischen Studien in einem weiten, weltoffenen Kontext betreiben. Des Englischen sollen sie mächtig werden wie Kenntnisse in den Natur- und
Sozialwissenschaften erlangen, denn wenn der Buddhismus seinen Platz in der modernen Welt erhalten wolle, dann müsse er sich auch den Fragestellungen und Ergebnissen der modernen Wissenschaften
öffnen. Kerstin begrüßt uns im Institut mit hellem Blick, sie wird eine wichtige Rolle spielen in den nächsten Tagen, sie, die dort seit 14 Jahren mit den anderen 150 Studenten des Instituts buddhistische
Philosophie studiert und kurz vor ihrem Abschluss steht. Seitdem sie sich die Haare geschoren und die rote Robe übergeworfen hat, heißt sie Kelsang Wangmo, aber gerne lässt sie sich mit ihrem
Namen aus dem früheren deutschen Leben nennen. Überhaupt schwelgt sie lustvoll in ihrer Biographie, so als ob ihr, der Mittdreißigerin, weiterhin alle Wege offen stünden. „Es geht ja nicht
nur um ein einzelnes Leben“, pflegt sie zu sagen.
Kerstin ist es auch, die uns einführt in den Buddhismus: „Alles dreht sich im Buddhismus um das Bewusstsein und das Mentale,
und so sind für uns auch alle Wissenschaften relevant, die sich mit dem Bewusstsein beschäftigen.“ Und in der Tat, darum kreisen die
nächsten Tage. Lobsang Dawa doziert mit ausdrucksstarker Körpersprache über die Vier Edlen Wahrheiten und lässt dabei den
Rosenkranz durch die Hände gleiten. Während Kerstin aus dem Tibetischen übersetzt, pendelt er mit dem Körper hin und her als suche
er nach den vielen Worten eine neue Mitte. Weshalb ist alles Dasein leidvoll? Was sind die Ursachen dafür, und wie befreien wir uns aus
dem Leid? „Man ist sich selbst der eigene Beschützer“, sagt ein altes tibetisches Sprichwort: also hat man die Befreiung selbst in der
Hand. Und Hand anlegen müsse man an den unheilvollen Emotionen wie Hass, Gier und Unwissenheit, die uns moralisch verschmutzen
und uns voneinander separieren. Ach ja, die Unwissenheit! Die negativen Emotionen können ein so leichtes Spiel mit uns treiben, weil,
so die buddhistische Überzeugung, weil wir in einer grundlegend falschen Interpretation von Ich und Welt verharren. Am folgenden Tag
bohrt Geshe Gyatso-la tiefer in das Gestein der Vier Edlen Wahrheiten und mutet uns nun das schwierigste Lehrstück der
buddhistischen Philosophie zu, die Philosophie der Leere. „Was keinen Grund hat, kann nicht existieren“, – darüber rätseln wir, und wir
stolpern und straucheln desweiteren über die subtile Frage, wie das Ich existiert und von welcher Gestalt das Wirkliche ist. Geshe Gyatso
referiert uns dazu die Grundpositionen der verschiedenen buddhistischen Schulen. Als am letzten Tag der Direktor der Schule, Geshe
Damchoe, über die Dreifache Übung berichtet, lichtet sich uns der Horizont wieder. Denn nun navigieren wir durch Zonen, die uns
zumindest dem Namen nach bekannt sind: Ethik, konzentrative Meditation und Weisheit. Wir tauchen ein in eine dichte Atmosphäre,
gewebt aus den Fremdheiten des Ortes, den Gesichtern unserer Lehrer, den tibetischen Lauten und den Themen selbstredend. Draußen
rauscht der Monsunregen und dann und wann – zumeist auf unsere Fragen hin – zerplatzt die Ernsthaftigkeit und die Mönche schütteln sich die Bäuche. Auf der Terrasse unseres Hotels debattieren wir in der Morgensonne
über Leid, Karma, Nirvana, über die Emotionen und die Kausalkette unseres Lebens. Die Textsammlung versorgt uns mit reichlich Material dazu, auch habe ich eine Reihe von Vorträgen
dazu mitgebracht. Mitunter schweifen wir produktiv ab in verwegenen Versuchen, uns die Unterschiede von europäischer und indischer Sichtweise zu erklären. Dabei treten aber auch die
Unterschiede zwischen den einzelnen Persönlichkeiten hervor. Beate z. B. hält sich am Geländer ihrer universitären Bildung fest, immer wieder nimmt sie Maß am Buddhismus mit der Phänomenologie
und dem Postmodernismus, Strömungen, denen sie sich verschrieben hat und auf die sie nichts kommen läßt. Andere wie Alfons oder der Zen-Schüler Jürg halten dagegen mit dem
Argument, es sei ein westlicher Wahn, alles rational erklären zu wollen und zu meinen, man könne die Geheimnisse des Lebens in Sprache gießen. Sie fließt nun, diese Seminarreise, wir konfrontieren
uns mit uns selbst und erleben uns dabei auch in eher Alltäglichem, auf dem Bazar etwa oder beim frühmorgendlichem Spaziergang zum rauschenden Wasserfall oberhalb des Dorfes.
Der Höhepunkt des ersten Reiseabschnitts aber ist neben dem Seminar am Institut die Privataudienz beim Karmapa, des Oberhauptes
der Karma-Kayügpa-Schule. Kerstin hilft uns bei der Vorbereitung: gemeinsam kaufen wir die Katas, seidene weiße Schals, die wir an
ausgestreckten Armen ihm entgegenhalten werden, um sie dann von ihm über die Schultern gelegt zu bekommen. Nachdem wir eine
etwas altertümliche Sicherheitsschleuse passiert haben und alles deponiert haben, was potenziell als Waffe gelten könne, stehen wir
aufgeregt in Reih und Glied vor dem hohen Würdenträger. Wir dürfen drei Fragen stellen: Verwässert die Hochkonjuktur des
Buddhismus im Westen dessen Originalität? Wie können wir mehr Mitgefühl entwickeln? Können wir potenziell erleuchtet werden?
Seine Heiligkeit antwortet langsam und überlegt, reifer, viel reifer als es seine 21 Jahre erwarten lassen. Doch schließlich, das wissen wir
nun, geht es ja nicht nur um ein einzelnes Leben, - der Karmapa ist die 16. Inkarnation anderer Lamas. Gisela, die Kailash-Pilgerin,
meint, sie habe in seinen Augen die früheren Leben sehen können. Ich beiße mir auf die Lippen ob meiner Unachtsamkeit. 
Mit einem gewaltigen Satz machen wir hinüber nach Kleintibet. Die gleißende Helligkeit und die dünne Luft euphorisieren uns, und
gegen alle Ratschläge erkunden wir sofort die Stadt Leh in der staubigen Hochgebirgswüste. Tags darauf sind einige von uns bettlägerig,
schleppen sich aber doch zum ersten Highlight: Morgenpooja im Kloster Tikhse. Wir kommen gerade rechtzeitig, der düstere
Versammlungsraum ist schon gut gefüllt mit den Kindermönchen, die dort herumwuseln, albern, aufspringen und sich dann wieder
hinhocken. Schon im Alter von 4, 5 oder 6 Jahren vollführen sie passgenau jene Bewegung, die man bei allen anderen Mönchen sieht,
wenn sie sich ihre Robe über die Schulter werfen, um sich auf dem Sitzkissen mit übergeschlagenen Beinen nieder zu lassen. Mittlerweile
sind auch die ranghöheren Mönche eingetroffen, sie verneigen sich vor der Buddha-Statue und vor dem Bild des Dalai Lama. Es ist ein
Gemurmel und Geschlurfe, ein Rasseln, Trommeln und Pfeifen, und dann zentrieren sich wieder alle Geräusche, wenn der in gelbe Robe
gekleidete Mönch eintritt, im Gang stehen bleibt und sich den Blicken aller darbietet. Nach einer Stunde ist alles beendet, die
Kindermönche springen auf wie überall auf der Welt, wenn Kinder sich in die Schulpause stürzen. Buddhismus – das ist mehr eine Haltung denn eine Philosophie, und so suchen wir Vivek auf, unseren Meditationsmeister. Er lebt mit
seiner kleinen Großfamilie drüben auf der anderen Seite des Indus, dort, wo die Berge auf die sandige Ebene stürzen. „Ich zeige euch das wahre Ladakh“, meint er und fordert uns auf, inmitten der
Naturgeräusche die Stille zu hören. Und wirklich, inmitten der Lockrufe der Vögel und des von weither anwehenden Gesanges der Feldarbeiter ist sie vernehmbar, und mein strömender Atem
rhythmisiert dieses Nichts. Es ist ein Moment, in dem die Welt still zu stehen scheint, alles Augenblick, Hier, Präsenz.
Manche von uns besuchen Vivek öfters in seinem Haus, er vermag
es, die Meditation gut zu leiten und den Anfänger davor zu bewahren, sich zu verlieren im Gestrüpp eigener Assoziationen. Aber nicht jeder kann damit etwas anfangen. Andere stöbern lieber
auf dem Bazar herum als in ihrer eigenen Psyche, oder sie besuchen eine Magierin, und dann gibt es ja auch noch die Diskussionsrunden auf der Hotelterrasse. Erlaubt ist, was gefällt! Leh wird flankiert von zwei großen Gebirgsketten, die beide auf
über 6000 Meter ansteigen. Die eine bewältigen wir mit unseren Jeeps zum höchsten befahrbaren Pass der Welt. Der kurze Fußweg von der Passhöhe zum Tempel lässt uns auf 5600 Metern schnell
schwindeln. Nun kommt uns der Talgrund schon wie ein Tiefland vor, wir sind akklimatisiert und brechen auf zu Exkursionen im Industal, wo wir die Klöster Hemis, Stakna, Alchi und Lamayuru
besuchen. Immer wieder ergreift uns das Magische der höhlendunklen, stoffverhangenen Tempel. Wo, wenn nicht hier, wäre der genius loci zu erspüren, geistige Temperatur aller
philosophischen Texte, die wir während unserer Reise studiert haben? Mittlerweile können wir die Ikonographie schon ein wenig entziffern, wir erkennen Padmasambhava, der den Buddhismus nach
Tibet brachte, wir bestaunen Buddha Maitreya, den Buddha der Zukunft, und wir zählen die Arme von Avalokiteshvara, dem großen Vorbild aller Bodhisattvas. Beat hat eine Taschenlampe dabei und
bestaunt die tantrischen Darstellungen der winzigen Miniaturen. Etwas Geheimes und Verborgenes umnebelt den tantrischen Weg, der nur für höhere Lamas und Rimpoches bestimmt ist.
Tantra-Kurse für sexuell verfahrene Beziehungen? Das ist ein Lockvogel der schnelllebigen Kultur-Verwertungsindustrie westlichen Zuschnitts. Im Tantrayana geht es um andere, um
universale Ziele, groß buchstabiert als bodhicitta, den Erleuchtungsgeist, oder bescheidener mit den Worten unseres Lehrers Lobsang Dawa, mit denen er sich in Dharamsala von uns
verabschiedete: „Das Ziel eurer Reise wäre einzusehen, dass wir alle wie Geschwister sind.“
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