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HansGünterClaus

Die Kunst des Verstehens

Ich bin ein lebender Anachronismus, meinte der berühmte Philosoph vor einigen Jahren, weil ich eigentlich nicht mehr dazugehöre und doch noch dabei bin. Ein wenig Wehmut klingt da heraus. Der Lehrer überlebt die eigenen Schüler. Alter macht einsam und ein biblisches zumal. Aber - wie könnten wir, die uns Generationen von ihm trennen, wie könnten wir uns hineinfühlen in einen über Hundertjährigen? Er ist immer noch dabei - als ein Grenzgänger zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Als Gast in einem Ethik-Kurs diskutiert er mit 17-jährigen Gymnasiasten und im Heidelberger Gloria-Kino kommentierte er anlässlich seines hundertsten Geburtstages einen WDR-Film über sich. Er ist immer noch dabei - und das macht das Schreiben über ihn nicht gerade leicht.

Am Pulsschlag der Zeit

Tasten wir uns also an den großen alten Mann heran, zunächst biografisch. Unsere erste Station ist Breslau, wo Gadamer seine Kindheit verbrachte. Ausführlich schildert er in seinen Lebenserinnerungen Philosophische Lehrjahre (1977) diese Zeit. Das rote Rund eines Edamer Käses blitzt da auf, die von Hengsten gezogene Feuerwehr, die ersten Autos, das Drehkurbeltelefon mit der Nummer 7756, der erste Zeppelin, die Nachricht vom Untergang der Titanic und schließlich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges: Mein

Taufrisch war das zwanzigste Jahrhundert, gerade erst zweiundvierzig Tage alt, als der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer am 11. Februar 1900 in Marburg zur Welt kam. Seine Üerlegungen zur Hermeneutik - dem wissenschaftlichen Verfahren zur Auslegung und Erklärung von Texten - sind fundamental. Der Gelehrte vertritt, anders als eine Reihe seiner Kollegen, die Position, dass eine Verständigung über Worte grundstzlich möglich ist. Wäre dies nicht so, machten auch Aktionen wie" “Orte für Worte” keinen Sinn und blieben folgenlos.

jungenhaft begeisterter Eifer und der mir höchst sonderbare Ernst meines Vaters.

Hans-Georg Gadamers Welt ist die Universität. In Breslau beginnt er das Studium der Philosophie, doch sehr schnell wechselt er nach Marburg über. Das kleine Fachwerkstädtchen hatte sich in den zwanziger Jahren zu einem Zentrum europäischer Philosophie gemausert, hier war der Neukantianismus zu Hause und zog namhafte Denker an. Und hier begegnet er einem Mann, der sein Leben verändern sollte: Martin Heidegger. Heidegger hatte damals etwas wirklich Neues gedacht und war zum Leitstern einer jungen Philosophengeneration aufgestiegen.

Er hatte es vermocht, eine existenzialistische Daseinsanalyse mit der Erkenntnis zu bündeln, dass wir Menschen in Sprachwelten leben, die uns durchströmen. Das Verstehen ist folglich keine menschliche Leistung unter anderen, sondern die Grunddimension des menschlichen Daseins überhaupt. Damit erspürte er den Pulsschlag des herausziehenden Konimunikationszeitalters. Der delphische Spruch Erkenne dich selbst! wandelt sich im 20. Jahrhundert zur Aufforderung, zu verstehen, wie die Sprachwelten uns immer schon formen.

Fasziniertes Lauschen

Es wird aber noch dreißig Jahre dauern, bis Gadamer sich auf der Grundlage einer solchen Einsicht mit einem eigenen philosophischen Entwurf profilieren wird. 28-jährig habilitiert er sich bei Heidegger, kurz darauf steht er als frisch gebackener Privatdozent am Katheder. Doch die kurzen Jahre akademischer Idylle in der hessischen Provinz werden jäh beendet, als Hitler an die Macht kommt, die Gleichschaltung beginnt und jüdische Kollegen aus ihren Ämtern gejagt werden. Gadamer weigert sich, dem NS-Dozentenbund beizutreten und verzögert dadurch seinen akademischen Aufstieg. 1938 nimmt er einen Ruf nach Leipzig an. Der politisch naive Philosoph hofft auf ein baldiges Ende des Regimes, doch es kommt anders: 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus.

Nach dem Krieg übernahm der politisch unbelastete Gadamer als Rektor der Universität Leipzig den akademischen Wiederaufbau. Doch schon nach zwei Jahren gab er resigniert auf. Das hochschulpolitische Parkett war seine Sache nicht. 1948 dann wurde er als Nachfolger von Karl Jaspers auf den Lehrstuhl für Philosophie in Heidelberg berufen. Ein Vierteljahrhundert lehrte er dort bis zu seiner Emeritierung und auch danach noch füllte er allwöchentlich den legendären Hörsaal 13 der Universität. Mit aufgesperrten Mündern saßen wir da, wir jungen Studenten, und lauschten dem alten Herrn, wie er uns die großen Gestalten des 20. Jahrhunderts plastisch werden ließ, die wir ansonsten ja nur aus Büchern kannten: Edmund Husserl, Paul Natorp, Martin Heidegger, Karl Löwith und andere. Gewiß, es waren Lebenserinnerungen, aber es war doch auch mehr. Denn Gadamer hatte eine eigene Philosophie entworfen, die Lehre vom Verstehen. Unter dem Namen „Hermeneutik“ ist sie weltberühmt geworden.

Was heißt Verstehen?

Wir sind, so der Grundgedanke Gadamers, um den sich sein gesamtes Lebenswerk gruppiert, wir sind dialogische Wesen. Wir kommunizieren dabei nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit dem gesamten Traditionsbestand, auch wenn uns dies nicht bewusst ist, ja selbst dann, wenn wir von den Traditionen nur schemenhaft Kenntnis haben. Da strömt ein Kommunikationsfluss durch uns hindurch, in den wir integriert sind. Wenn wir einen Gedanken formulieren, dann ist das gewiss eine Leistung, die wir uns selber zurechnen dürfen. Aber wir können doch auch nicht verkennen, dass dabei noch anderes in uns zu schwingen und zu klingen beginnt, das uns gleichsam die Feder führt: das immer währende, von Generation zu Generation fort gesponnene Gespräch, das Gespräch mit Nahem und Fernern, über Jahrhunderte, Jahrtausende hinweg. Das, was in uns so mächtig und oft unerkannt lebt, nennt Gadamer das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein. Jede einzelne Denkkraft ist eingebettet in dieses überpersönliche Bewusstsein, das durch uns hindurch greift und das die Blickwinkel bestimmt, unter denen wir in die Welt hinausblicken. Wir sind also nie einzeln, nie einsam, wir sind immer schon irr Gespräch.

Der Leser dichtet mit

Selbstsein und Freiheit - in Gadamers Hermeneutik gewinnt ein altes philosophisches Thema ein neues Gesicht. Beide wachsen auf dem Boden einer Selbsterkenntnis, mit der sich der Mensch über seinen kulturellen Ort im Geflecht der Sprachwelten verständigt. Dazu bedarf es der kulturellen Erinnerungsarbeit. Und auch die viel beschworene Pflege der Traditionen gewinnt von hier aus ihren guten Sinn: Traditionen, so meint Gadamer, seien keine musealen Erbstücke, sondern Deutungshorizonte, die wir immer wieder neu zu beleben haben. Aber wie kann das geschehen? Indem wir die Traditionen interpretieren und verstehen. Im Verstehen nämlich, im wirklichen und echten Verstehen, bewegen wir unseren Gegenwartshorizont und den Horizont der Vergangenheit aufeinander zu. Was heißt das? Das heißt zunächst, wir sehen einen älteren Text immer mit unseren Gegenwartsaugen an. Nie stehen wir objektiv vor ihm. Wir tragen unsere zeitgeschichtlichen und persönlichen Erwartungen an ihn heran, wir sind selektiv in unserer Aufmerksamkeit und in unserer Wahrnehmung, kurz: Wir schreiben uns mit unserer individuellen und kulturellen Psyche in den Text hinein. Der Leser dichtet mit.

Doch dann geschieht es, dass der Text unsere Erwartungen narrt. Vielleicht verhält sich eine Romanfigur anders als vermutet. Das ist der Moment, wo die eigene, originäre Stimme des Textes spricht. Und auf diese Stimme, so schärft Gadamer immer wieder ein, müssen wir uns einlassen. Wir korrigieren unsere Erwartungen, um sogleich ein neues Verstehen zu entwerfen, das seinerseits wieder korrigiert wird. Endlos kreist der „hermeneutische Zirkel“, so beschreibt Gadamer die Struktur des Verstehens in einer berühmten Formulierung. Und dabei geschieht etwas höchst Bemerkenswertes: Der Verstehenshorizont bewegt sich. Der Gegenwarts- und der Vergangenheitshorizont bewegen sich aufeinander zu, ja eigentlich sind sie immer in Bewegung. Mit jedem echten Verstehen fließen Gegenwart und Vergangenheit, Eigenes und Fremdes aufeinander zu, berühren sich, befruchten sich, bereichern uns. Der Leser dichtet mit: nun aber an einem überpersönlichen Text.

Was wirklich war?

Eine ideale Konstruktion, so könnte man gegen Gadamer einwenden, die an den Realitäten vorbeigeht. Gadamer stimmt uns in einem Punkt zu: Tatsächlich, allzu schnell verwechseln wir unsere Vormeinungen mit der zu verstehenden Sache selbst. Und er überrascht uns mit einem weiteren Zugeständnis: Eigentlich kommt es notwendigerweise zu einer solchen Verwechslung. Wir können nämlich aus dem wirkungsgeschichtlichen Strom nicht herausspringen und einen archimedischen Punkt besetzen, von wo aus die originäre Stimme gleichsam rein und unverstellt zu uns spricht. Konkret gesagt: Wir können die Frage, was Platon, Kant oder auch - um ins literarische Feld zu wechseln und Lieblinge Gadamers selbst anzuführen - Friedrich Hölderlin, Stefan George oder Paul Celan „wirklich“ gesagt und gemeint haben, immer nur mittelbar erschließen. Anders gesagt: Das, was „wirklich“ war, kann für uns nie ein objektives Faktum sein, nein, das, was „wirklich“ war, schwimmt in einem Interpretationsprozess. Nur dort ist es zugänglich. Das heißt nun wiederum nicht, der zu verstehende Text sei uns „nur“ subjektiv zugänglich in dem Sinne, dass wir sagen müssen, jegliche Objektivität zerrinne uns in den Fingern. Schließlich haben wir die Stimme des Textes doch bei uns ankommen lassen. Dass wir sie nicht in ein bleibend Objektives umgießen können, ist ein Einwand nur für den, der am klassischen naturwissenschaftlichen Objektivitätsideal orientiert ist. Das aber ist seit den Tagen der Quantenphysik selbst in den hermeneutischen Sog geraten.

Auch in den Naturwissenschaften ist der Blick frei geworden für einen kreativen kommunikativen Prozess zwischen Naturforscher und Natur. Die nachklassischen Naturwissenschaften und die Philosophie Gadamers schürfen wahrscheinlich dieselbe hermeneutische Einsicht: Wir sind immer Teilnehmer in einem Deutungsgeschehen. In der Verstehenslehre Gadamers gipfelt diese Einsicht in der Pointe, dass es in erster Linie der Leser ist, der dem Text dessen ihm eigene Kommunikativität freisetzt. Der Leser hat ein Stückchen Tradition belebt, ja mehr noch: er hat Vergangenheit mit Gegenwart verbunden, er hat Kontinuität erzeugt. Er hat dem Buch des wirkungsgeschichtlichen Bewusstseins ein neues Kapitel hinzugefügt.

Die Tugend der Offenheit

Hans-Georg Gadamer legt viel Gewicht auf diesen Punkt. Traditionen, das sind Güter, die an die Nachfolgenden weitergereicht werden. Der jeweiligen Gegenwartsgeneration obliegt es, ob und wie sie die Traditionen bei sich ankommen lassen. Eine traditionsfeindliche Zeit wird die Gaben aus der Vergangenheit lediglich ihren eigenen Zielsetzungen unterordnen wollen. Das geschah im Nationalsozialismus: Die Stimmen Goethes, Schillers, Hölderlins und Nietzsches wurden völkisch eingefärbt. Eine freiheitliche Epoche aber wird in den Traditionen deren Schätze immer neu entdecken. Das Verstehen ist also auch ein Indikator von Freiheit. Nur einem freien Wesen ist es möglich, guten Willen zu äußern und sich auf die andere Stimme einzulassen. Offenheit ist die hermeneutische Kardinaltugend. Hans-Georg Gadamer war in seinen späten Jahren der Auffassung, das hermeneutische Bewusstsein schule sich am besten an literarischen Texten. Denn dort, wo die Sprache sich verrätselt, fällt uns das Verstehen besonders schwer. Literarische Texte, und moderne zumal, verweigern sich dem geläufigen Verstehen. Ihre Verschlossenheit ist wie ein Appell, sich ganz auf sie einzulassen und in ihnen nicht Paraphrasen des Alltagsbewusstseins zu sehen. Das ist einer der Gründe, weshalb Gadamer die Kunst so hoch geschätzt hat. Ein weiterer führt uns noch einmal ins Zentrum seiner Verstehenslehre.

Der Leser als Künstler

Wir sind Teilnehmer eines Deutungsgeschehens. Wir sind keine Beobachter aus göttlich-transzendenter Perspektive, nein, wir stecken mittendrin in den Interpretationswelten. Der Mensch ist ein Homo symbolicus, ein Wesen also, das Sprachwelten erzeugt und sich in ihnen bewegt. Diese Sicht auf den Menschen ist nicht neu, schon die Antike hatte sie eröffnet. Doch so richtig Karriere hat sie erst seit dem späten 19. Jahrhundert gemacht: bei Friedrich Nietzsche, bei Ernst Cassirer, bei Martin Heidegger. Die Interpretation des Menschen als Homo symbolicus hat eine tief greifende Konsequenz, die als erster wohl Nietzsche in allergrößter Schärfe gezogen hat: Nicht die Dinge selbst sind wichtig, sondern unsere Interpretationen. Schärfer formuliert: Wir inszenieren, wir spielen Wirklichkeit. Wir sind Künstler. Wenngleich der heute eindeutig festzustellende Trend vom Wort zum Bild, der Hermeneutik eine andere Rolle zuweist oder zuweisen wird.