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HansGünterClaus

Gott spielen und die Evolution lenken?

In der Sloterdijk-Debatte sind einige nüchterne Dinge zu kurz gekommen

Seitdem die Zeiten sich beschleunigt haben, übergibt wohl jede ältere Generation die Staffette an die Jüngeren mit dem Stoßseufzer: ”Die Zeit ist aus den Fugen.” Früher, ja früher seien die Dinge noch im Lot gewesen.

Aber das waren sie nie. Schon von Sokrates vernehmen wir die Klage, daß die Jugend schlechte Manieren habe, das Alter nicht mehr achte und die Lehrer tyrannisiere. Was für kleine Sorgen hatte der Mann doch! Wir Heutigen stolpern über uns selbst, denn wir sind verschreckt, ja verängstigt durch das, was wir technisch können. Im 20. Jahrhundert hat die Menschheit die Früchte von dreihundert Jahren moderner Wissenschaft geerntet, - und heikle Erbschaften angetreten. Gewinn und Verlust sind dabei so sehr miteinander verwoben, daß es schwierig geworden ist, ethisch einen deutlichen Standpunkt zu beziehen. Die Brandopfer von Hiroshima und Nagasaki, sind sie nicht auch der zynische Preis gewesen für die längste Friedenszeit in Europa?

Das kommende Jahrhundert der Biologie

Das 20. Jahrhundert war das der Physik, das kommende wird das der Biologie sein. Die Menschheit macht sich auf, die Biosphäre nach eigenen Bedürfnissen zu modeln. Gewiß, das hat die Menschheit immer schon getan, sie hat Wälder abgeholzt, ganze Landstriche mit Monokulturen verödet, hat Meere leergefischt. Bis jetzt hat der Mensch sich damit begnügt, die biologischen Bestände zu plündern oder industriell zu verhökern. Doch nun geht es um anderes. Jetzt pult der Mensch am genetischen Code herum. Er erkühnt sich, eine neue Biosphäre zu schaffen. Er legt Hand an den Bauplan des Ganzen.

Und damit verändert er seinen Ort im evolutionären Geschehen. Der Mensch ist von nun ab mehr als nur ein Produkt der biologischen Evolution, er greift ein in die Evolution, er spielt ein wenig Gott.

Sloterdijks Auftritt

Darf er‘s, darf er’s nicht? Seit einigen Jahren wogt die bioethische Diskussion, angefacht von politischen Initativen wie der Europarat-Konvention zur Biomedizin oder von neuen gentechnischen Therapien wie der Keimbahntherapie. Als der Medienphilosoph Peter Sloterdijk sich diesen Sommer zu Wort meldete, hatte er also keineswegs eine überfällige Debatte angestoßen. Trotzdem war die Auseinandersetzung um den Karlsruher Denker die dominierende intellektuelle Debatte des Jahres. Sie fand im Scheinwerferlicht der Massenmedien statt und folgte den Regeln des schnell hingeschriebenen und ebenso schnell wieder vergessenen Wortes. Das Bemerkenswerte an ihr waren die Selbstinzenierungen der Hauptbeteiligten, die Boshaftigkeit ihrer Unterstellungen und der Wille, der Sache selbst konsequent aus dem Wege zu gehen. Glücklicherweise ließen die Redakteure dann und wann auch einen Fachvertreter zu Wort kommen. Denn man möchte doch einmal ganz nüchtern wissen:

Was ist gentechnisch überhaupt machbar?

Weit weniger als angenommen wird landauf, landab, meint der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer. Das Genom ist ein hochkomplexes System, das beim Menschen aus 80 000 Genen besteht mit zusammen 3 Milliarden einzelnen Bausteinen. Forscher aus aller Welt arbeiten an dem ‚Human Genome Project‘, das um 2010 das gesamte Erbgut des Menschen entiffert haben möchte. Aber auch dann wird man immer noch vor einem Rätsel stehen. Denn beim Genom gilt wie bei allen Systemen, daß das Ganzes immer mehr ist als die Summe seiner Teile. Verändert man ein Gen, dann hat das Auswirkungen auf das ganze Netzwerk aller Gene, auf das Genom. Das heißt: gentechnisch gesteuerte Veränderungen des Menschen sind wohl möglich, aber nicht planbar. Es ist aber nicht nur das Genom mit seinen immensen Ausmaßen, das uns den planenden Zugriff darauf versperrt. Wir sind zudem auch in der Gentechnologie beobachtende Mitspieler und keine objektiven Betrachter, wir gelangen also nie zu jenem Metawissen, das nötig wäre, das System der Anthropotechniken zu beherrschen. Irrig demnach die Vorstellung, für ein bestimmtes Verhalten ein Gen verantwortlich machen zu können. Zudem spielen biologische und kulturelle Faktoren ineinander und beeinflussen auf bislang nicht geklärte Weise das Aussehen und das Charakterbild des Menschen. Die Wissenschaft selbst, so Singer, ”enttarnt das Szenario vom guten Hirten, von gelenkter Evolution ein für allemal als nicht einlösbare Utopie.”

Allerdings: Grund zur Entwarnung ist das nicht. Denn nun liegt der Ball wieder im Feld der konventionellen Anthropotechniken. Immer schon haben Menschen über ihr Paarungsverhalten das Genom beeinflußt. Sie haben dafür – unbewußt zwar, doch nicht weniger konsequent – ihre Kulturverbote errichtet und ihre Sozialisierungstechniken. Bioethische Überlegungen dürfen auf diesem Auge nicht blind sein, denn es werden die gesellschaftlichen Verhältnisse sein, die die Nachfrage nach Biotechniken bestimmen. Das Erben ist nach wie vor eine Frage ökonomischer Macht: Anthropotechniken werden sich nur die reichen Nationen leisten können.

Die eugenischen Trümpfe

Möglicherweise werden die Biotechniken also keine Züchtungsphantasien im Großen einlösen können, in Fachkreisen als ”Verbesserungstherapien” bezeichnet (enhancement therapy). Aber schon die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht eine gezielte Steuerung der Auslese. Darunter versteht man ein in anderen Ländern bereits praktiziertes Verfahren, eine Reihe von im Labor erzeugten ‚Präembryonen‘ auf ihre Genstruktur zu prüfen und dann zu entscheiden, welcher Fötus nun die Chance erhält, im Mutterleib heranzuwachsen. Die Fortpflanzungsmediziner Jacques Testart und Bernard Sèle haben 1995 in einem Beitrag für das Fachorgan Human Reproduction deutlich gemacht, daß die Präimplantationsdiagnostik einen Quantensprung in der Eugenik darstellt, denn die Menschheit stößt damit die Tür auf zur industriellen Menschenfertigung.

Auch wenn Eltern nicht ihr Wunschbaby in Auftrag geben können, - es bleibt ihnen immerhin die Wahl aus einem Retorten-Angebot. Und vielleicht wird die Angebotspalette eines Tages um das eigene Klon komplettiert. Eine gentechnisch verlängerte Wahlfreiheit? Zwingt die Menschheit des 21. Jahrhunderts die Natur unter das Banner des menschlichen Freiheitsanspruchs?

Die ethischen Probleme

Eltern, so heißt es, wollen für ihre Kinder immer nur das Beste. Doch wenn die Eltern die eugenischen Trümpfe ausspielen, dann muß das nach heutigem Ermessen zu einer ungeahnten Belastung der Kinder führen. Bis jetzt wurden die Menschen ins Leben geworfen, auch und gerade genetisch. Was aber, wenn ich weiß, daß mein So-Sein auch das Ergebnis des elterlichen Willens ist?

Die Konsequenzen sind (fast) unausdenkbar. Aber eines ist sicher: Nie werde ich jemals in meinem Leben mich auf die eigenen Füße stellen können. Immer wird mich das Gefühl begleiten, daß mich ein anderer Wille lenkt. Die eugenische Wahlfreiheit der Eltern wird zum Fluch für die Kinder.

Jürgen Habermas hat vor einiger Zeit ein ähnliches Argument gegen das Klonen vorgebracht: Der Klon wäre nichts anderes als ein Sklave des genetischen Originals. Folglich sei Klonen unethisch.

Das Klonen ist aber nicht nur unethisch, sondern es ist auch kein sinnvoller Zug im evolutionären Geschehen selbst. Die Evolution ist ja ein Prozeß, in dessen Verlauf – bezogen auf eine Spezies – durch Veränderung des Erbgutes eine Art ihre Anpassungsfähigkeit steigert, - und damit ihre Überlebenschancen. Das Klonen aber verbessert nicht die Lebenschancen der Menschen. Eher steht zu erwarten, daß der Klon moralisch beschädigt wird, wenn er erfährt, wie ”ganz der Vater” (oder Mutter) er ist. Müßte ich nicht unter der Anspruchslast zerbrechen, wenn ich erführe, genetisch eine Kopie von, sagen wir, Günter Grass zu sein? Das Selbstwertgefühl des Menschen scheint also an den Umstand gekoppelt, Produkt eines natürlichen Auslesevorgangs zu sein. Der nämlich sorgt für die genetische Einmaligkeit jedes Erdenbürgers.

Das ist eine ethisch höchst bedeutsame Einsicht. Anthropotechniken werden kommen. Aber sie werden auch ethisch kontrolliert werden müssen. Eine Bastion, die dabei nicht geschleift werden darf, ist die der moralischen Integrität der Person. Und daran hängt viel. Auch die Balance von Natur und Kultur.

Diese Balance aber verschieben wir Menschen im Laufe unserer kulturellen Entwicklung. Als vor dreißig Jahren die ersten Herztransplantationen gewagt wurden, da galt das eingepflanzte Herz wie ein Stückchen fremder Identität. Heute ist manchen damals brisanten ethischen Problemen die Luft ausgegangen. Geht es den bioethischen Fragen, die wir heute stellen, bald ebenso?

            Esslinger Zeitung,
            Millenniums-Beilage 31. Dez. 1999