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HansGünterClaus

Alles Existieren ist Unterwegssein. Erfahrungen mit dem Experiment “Philosophische Reisen”

in: Detlef Staude (Hg): Lebendiges Philosophieren. Philosophische Praxis im Alltag. Bielefeld 2005, S. 11 - 20

 

Reisen ist eine hochphilosophische Tätigkeit

Das Reisen hat seit jeher einen eigentümlich seidigen Glanz. Wer reist, sehnt sich nach größeren Räumen, nach anderer kultureller Temperatur, wer reist, ist sinnhungrig und kann sich am Bestehenden nicht sättigen. Wer reist, hofft darauf, hinter der nächsten Wegkuppe warte etwas auf ihn, vielleicht, dass er sich’s ergänzen kann zum Torso seines eigenen Lebens. Reisen ist für sich schon eine hochphilosophische Angelegenheit. 

Das jedenfalls könnte es sein. Vielleicht war es das auch einmal gewesen, damals, als 1271 der vom Fernweh geplagte Marco Polo aufbrach nach China. Oder als Georg Forster, der an der zweiten Weltumsegelung James Cooks teilnahm, an jenem Morgen des Jahres 1773 die Insel Tahiti am Horizont aufsteigen sah. Oder als der französische Ethnologie Claude Lévi-Strauss am Ende seines Feldaufenthaltes in Zentralbrasilien in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in einem trostlosen Indianerkaff festsaß und in ihm eine Chopin-Etüde aufsteigt über dem Staub der Savanne, ein Stück Frankreich, Heimat, der er, der junge Ethnologe, geflohen war der größeren Räume wegen, sie kommt ihm nun entgegen im Glast des Mittagslichtes. Fernweh und Heimweh, dahinein ist das Reisen philosophisch gespannt: die Lust auf das Fremde, auf das Offene, und der ziehende Schmerz, der die Seele ergreift, wenn sie nach Heimat sich sehnt, nach Ursprung, Ruhe und Ewigkeit. Beide Pole sind ganz wesentliche Dimensionen menschlicher Existenz, denn Existieren heißt, sich zu entwerfen auf etwas, das man noch nicht ist, wie auch – im Gegenzug – sich zu erinnern an etwas, das man nicht mehr ist. Existieren heißt, philosophisch gesprochen, hinaus zu stehen über Gegenwart und Präsenz, existieren heißt, seinen Geist und seine Sinne an eine Wirklichkeit zu halten, die noch zu gewinnen oder deren Verlust zu betrauern ist. Existieren bedeutet, philosophisch gesehen, weniger ein Sein denn ein Werden und ein Sehnen, und weil das so ist, deshalb ist Existieren immer auch wie ein Zustand des Reisens. Denn vom Reisen sagt man ja, der Weg schon sei das Ziel, der Prozess das Wesen, und eben dasselbe gilt vom Leben der Subjektivität.

Der metaphysische Glanz des Reisens und die Begeisterung beim Philosophieren

Das Reisen und die Existenz, - beides gehört zusammen, beides legt sich im jeweils anderen aus. Darin liegt der philosophische Mehrwert des Reisens, sein metaphysischer Glanz. Selbst heute ist davon noch etwas zu spüren, wo das Reisen so pervertiert worden ist von der Tourismusindustrie. Beim Kofferpacken etwa, wenn die Dinge ausgewählt und dann gebündelt werden, die uns die nächste Zeit begleiten sollen, Dinge, mit denen sich ein Leib pflegt und kleidet, Dinge, die ein Bewusstsein benötigt, um durch die nächsten Tage zu navigieren. Dann die Lust, sein eigenes Leben ‚hier’ zu unterbrechen, um es ‚dort’ zu kontinuieren. Der süße Selbstbetrug, man sei ‚dort’ ein ganz anderer Mensch, irgendwie eigentlicher und wahrer. Manches andere wäre noch zu nennen, um an den Flügelschlag der Seele zu erinnern, an die plötzliche Aufgeregtheit kurz vor der Abreise. Und auch ‚dort’ kann es uns ergreifen, in einer Stimmung vielleicht, anlässlich eines Farbeindrucks oder eines Geräusches. Für einen Moment hebt es den Reisenden heraus, die Realität wird zur Metapher für etwas anderes, etwas trägt sich ihm zu, der Strom einer Begeisterung. Das Subjekt wird von einem Geist ergriffen und lädt sich philosophisch auf.

Die Begeisterung auf Reisen und die Begeisterung, die sich beim Philosophieren einstellen kann, sind im Kern ähnlich konfiguriert. Das Bewusstsein, so könnte man sagen, findet sich wie ein einzelnes Wort in einem übergreifenden großen Text wieder und ‚weiß’, das es dort mitgemeint ist. Es fühlt sich auf eigentümliche Weise gehalten wie von einem weiteren Bewusstsein, und doch ist ein solcher Zustand nur von kurzer Dauer. Beim Philosophieren begegnet mir die Begeisterung bisweilen so, dass ich plötzlich eine Gedankenlandschaft kurz aufscheinen sehe, auf die hin sich das gerade Gedachte weitet und in die es sich hineinmodelliert zeigt. Mein Zugang zu dieser Gedankenlandschaft ist eher visuell als theoretisch, ja, es bereitet mir eine vergebliche Mühe, das Gesehene in dieser diskursiven Topographie zu denken . Denn um es ins Denken zu übersetzen, um das Gesehene also zu begreifen, muss ich einzeln ausschreiten, was sich mir visuell als Totaleindruck zeigt. Zugegeben, ich sehe nicht klar und deutlich, dafür aber scheinen entfernte Stränge sich miteinander zu verflechten in thematischen Knoten, die ich bislang noch nicht gesehen habe. Ich bin überrascht und begeistert darüber, aber – das, worauf es ankommt, bleibt in einem gewissen Nebel. Ich möchte ihn lichten, ich setze meinen Verstand ein, und dann kann es an diesem kritischen Punkte des Unternehmens leicht dazu kommen, dass die gesamte Gedankenlandschaft verschwimmt und verschwindet und ich nur noch einen spröden Gedanken in der Hand halte, abgeschnitten von all dem, was ihm Leben und Bedeutung gegeben hatte. Ich finde mich auf dem harten Boden des Diskurses wieder. Aber ich weiß nun: das, was meinem Denken ‚eigentlich’ Kraft, Motivation, Evidenz und Ausdrucksstärke gegeben hat, das kam von woanders her, das schwebte ein aus einer geistig zu visualisierenden Landschaft. Und ich kann darauf vertrauen, dass es mir erneut gelingen wird, mit meinen Gedanken philosophische Landschaften zu bereisen. Soweit also zur Leidenschaft des Denkens.

Und wie steht es um die Begeisterung beim Reisen? Dort bewegt man sich ja durch sinnlich, aber auch durch geistig erfahrbare Szenerien – eine Naturlandschaft, eine städtische Atmosphäre, eine nächtliche Busfahrt, kulturelle Begebenheiten und Ereignisse oder sonstwie geartete Begegnungen mit Wirklichkeit. Wenn es mir nicht gelingt, die touristischen Ereignisse eigens auf mich zu beziehen, dann bleiben sie nur kurzlebige ‚events’ auf einer kaleidoskopartigen Bühne. Damit das, was ich sehe, mich auch wirklich angeht, damit das, was mir begegnet, mir begegnet, muss ich die bereiste Welt in eine Erzählung einflechten können, - die wirkliche Reise wird dann begleitet von einer Reise im Kopf. Ja, die imaginäre Reise führt sogar die Regie, sie ist ein geistiger Text, der den touristischen Text überblendet. Gewiss heitert ein südlicher Sonnentag meine Seele auf, Reales bewirkt also auch Ideales, aber meine aufgehellte Seele muss nun zum Sprechen gelangen, um den Sommertag herauszuheben aus der Kette anderer Tage, um ihn so zu bemalen, dass er mir immer wieder vor mein geistiges Auge treten kann, möglicherweise gar ein Urbild oder ein Archetypus eines solchen Tages, vernetzt und verbunden mit anderen Urbildern, in denen mein ganzes Leben hängt und vielleicht sogar meine Welt. Und darauf kommt es an. Der Mensch ist das Selbst und Welt knüpfende Wesen, immer und überall verweben wir Einzelnes, das uns begegnet, zu einem Teppich von Bedeutungen. Auf Reisen ist diese synthetisierende Kraft eigens herausgefordert, weil uns Begebnisse widerfahren, die zu einem uns fremden Zusammenhang gehören; wir können also nicht auf Bekanntes und Bewährtes zurückgreifen – oder doch nur in Massen – um die Weltsplitter zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen. Aber erst die schon erwähnte zweite Synthese setzt hier den Schlussstein, der das ganze Erlebnisgebäude hält, erst der geistige Text der imaginären Reise im Kopf lässt wirklich Bilder für uns entstehen, Bilder, die wir nicht mehr nur betrachten in äußerlicher Distanz, sondern die uns zu Allegorien unserer Existenz geworden sind.

Wohlgemerkt, es ist hier nicht von allem und jedem Unterwegssein die Rede, sondern nur vom ‚wahren’ Reisen, von einem solchen nämlich, das die Triebfeder allen Reisens bewahrt, ja sogar kultiviert. Es gibt vielfältige Formen solchen Reisens, eine davon aber ist die philosophische.

Die Symphonie von Ort und Thema einer philosophischen Reise

Im Sommer 2000 habe ich es zum ersten Mal versucht. Damals bin ich mit einer kleinen Gruppe von 14 Teilnehmenden nach Sils Maria ins Schweizer Engadin gefahren. Fünf Tage lang philosophierten wir über Friedrich Nietzsche. Über das ausgehende 19. Jahrhundert also mit dessen so merkwürdiger Mischung aus Skepsis, Vitalismus und Romantizismus, über den Nihilismus und seine Überwindung, über Nietzsches Moralkritik, über seine Schelte am Christentum, über Nietzsches Kultur- und Kunsttheorie, über das ästhetische Leben, über Wahrheit und Schein, über Wagner, Schopenhauer und Bizet, über Nietzsches psychologisches Philosophieren, über seinen musikalischen Stil.

Aus fünf Tagen sind in den folgenden Jahren dann sieben oder gar acht geworden, aus Sils Maria andere Orte in Italien, Griechenland und Spanien. Orte, die mit ihrer Geschichte oder ihrer besonderen Atmosphäre das jeweilige philosophische Thema mit einem genius loci aufladen. In Sils Maria ist es das Drama von Weichem und Schroffen, von Sonne und Eis, von Apollinischem und Dionysischem, was Friedrich Nietzsche während sieben Sommern dort oben aufsuchte, als Stimulans für seine literarische Tätigkeit. Auf der Peloponnes ist es der mythologische Boden der trojanischen Sage, vage erahnbar über den Trümmern von Mykene, dann die grossen Tage des griechischen Theaters, mühelos spürbar in Epidauros, und schließlich – als Hauptakkord – die Geburt der kritischen, auf die Stringenz des Arguments sich verpflichtenden Philosophie, die damit Dogmen umstößt und die die lange abendländische Geschichte der Freiheit beginnt. Der genius loci, dort auf der Peloponnes, in Delphi oder auf der Athener Agora erspürt, er lässt auch den historischen Abstand hervortreten, der unsere Lebenswirklichkeit von der Lebenswelt der Antike trennt. Sokrates’ Fragen nach der Tugend, der Weisheit, dem Guten, dem Körper und der Seele bekommen auf diese Weise eine Plastizität, die sie aus den reinen Buchstaben – zumal in deutscher Übersetzung – nie erreichen können.

Das philosophische Thema, dort draußen erzeugt, erinnert, variierend wiederholt auf Augenhöhe des 21. Jahrhunderts, das philosophische Thema weitet sich zu einem kommunikativen Prozess, in dem Vergangenes auf das Gegenwartsbewusstsein trifft, und wo philosophische Laien – also Philosophierende des Alltages – in berühmten Texten der Tradition schürfen. Was geben sie noch her? Eine philosophische Reise ist auch der Versuch, unter Idealbedingungen zu testen, welche philosophischen Stimmen uns noch erreichen. Bisweilen überrascht eine Tradition mit hochaktueller Thematik. Das tolerante interkulturelle Klima im maurischen Spanien vom 9. bis ins 12. Jahrhundert hinein spricht Hohn über die vermeintliche moralische Überlegenheit des Westens. Ob und wie das mittelalterliche Cordoba ein Modell für eine zukünftige Weltzivilisation sein könne, das kann eine philosophische Reise dorthin erforschen, - direkt in den Gassen des jüdischen Viertels, in einem Patio, einem verschwiegenen spanischen Innenhof, wo der Süden auch in der Geräuschkulisse hörbar, erlebbar wird.

Die Wunden, die sich der Mensch in der Moderne schlug, zeigen sich aber nicht nur in den Narben der kulturellen Großsphären. Wir leben zwar weitab vom Kriegslärm des kulturellen Hauptkonfliktes des noch so jungen 21. Jahrhunderts, aber eben dieser Konflikt tobt doch auch im Zentrum unserer westlichen kulturellen Psyche. Es ist der Konflikt zwischen einer rasend sich beschleunigenden Modernität und einer quer dazu verlaufenden, konservativ sich gebärdenden Sehnsucht nach Ordnung, nach Orientierung und verbindlichen Werten. Auf verschiedene Weise kann jener Konflikt aufschäumen, und eine Erscheinungsform ist gewiss die Spannung zwischen einer materialistisch-objektivierenden, wissenschaftlichen Deutung der Welt und einer idealistisch-ganzheitlichen Interpretation von Natur, Mensch und Zivilisation. Man versetze diesen Gegensatz in die vulkanische Inselwelt des äolischen Achipels im Tyrrhenischen Meer, in Sichtweise der sizilianischen Nordküste. Wie ist der Gegensatz von einer quantitativen und einer qualitativen Sichtweise entstanden, und wie wird er in der nachklassischen Naturwissenschaft wieder geglättet? Eine Woche Naturphilosophie im Schatten des rauchenden Stromboli, von den Weltschöpfungsmythen über die Vorsokratiker bis zu den grossen Naturforschern von Galilei bis Stephen Hawking. Die organischen Naturphilosophien der Goethezeit und die Gaia-Theorie eines James Lovelock begleiten dieses Experiment, in dem es um nichts weniger geht als um die Frage nach einem neuen Verhältnis zur Natur. Auf Lipari wird es auch erwandert, und unter leicht anderer Akzentsetzung habe ich die Naturphilosophie-Reise auch schon mehrfach am Matterhorn durchgeführt, wo die Natur eine andere Sprache spricht als im vulkanischen Meer. In beiden Fällen aber kommt dem Wandern die Bedeutung zu, der Stimme der Natur zu lauschen, - unverstellt von philosophischen Theoremen. Im Wandern wird der Begriff herausgefordert, Wandern und Philosophieren bringen Kopf und Körper zusammen, Sinnlichkeit und Verstand, Wandern und Philosophieren meinen den ganzen Menschen.

Dass Mensch und Natur durchaus eine harmonische Balance eingehen können, dafür steht die einmalige Kulturlandschaft der Toscana. Ein ganz besonderer Zauber geht von den Zypressenalleen aus, den einzelnen Weingütern, den alten Städten. Im Garten einer alten Villa aus dem 18. Jahrhundert philosophieren wir an einem grossen Tische sitzend über die Faszination, die vom Facettenreichtum des Menschenwesens ausgeht. Oder über die Kunst, die hier in der Renaissance mit ihrem Programm, eine perfekte naturalistische Illusion zu erzeugen, zur Vollendung gelangt war. Und wieder begegnen uns die grossen Themen, die wir diesmal auch aus den Kunstwerken heraus lesen, ein Prozess übrigens, in dem sich die Grenzen philosophischer Kompetenz zeigen werden, denn die philosophischen Ästhetiken und Kunsttheorien bleiben eigentümlich blass, ja bisweilen wirken sie sogar kunstfremd und aufgesetzt, so als wären sie einem anderen Interesse verpflichtet als dem der Kommunikation mit den Kunstwerken. Immer wieder sperrt sich das Kunstwerk dem philosophischen Diskurs, und mit seiner Unbestimmtheit und Unschärfe narrt es die Deutungswut der Philosophen, demaskiert sie gar als philosophische Gewalt. Kein Wunder also, dass ich jedes Mal irritiert und verunsichert werde von der Seminarwoche über die Kunst. Geradezu kontrapunktisch dazu die toscanische Landschaft, wie linderndes Balsam tropft sie auf den Riss zwischen dem Denken und der Kunst.

Auf einer philosophischen Reise harmonieren also Thema und Ort. Ob im Engadin oder am Matterhorn, ob auf Lipari, in der Altstadt von Cordoba, im Landgut hoch oben über dem toscanischen Valle d’Elsa, ob am argolischen Golf der Ägäis, am Neckar in Tübingen, - immer erzeugt das Thema ein Echo im geographischen Ort, immer erzählt der Ort ein Stück weit das philosophische Problem. Der Ort bietet eine Passage in die kulturellen Räume einer Vergangenheit oder einer fremden Zivilisation. Der symphonische Klang von Thema und Ort ist also kein bloßes Ornament, sondern er hat eine hermeneutische Dimension, er weitet die Möglichkeiten des Verstehens. Der neue Ort, an dem die Teilnehmenden sich eine Woche aufhalten, öffnet zunächst die Sinne und sensibilisiert den Intellekt für neue Interpretationen von Welt und Ich. Der neue Ort kann uns tatsächlich aus der Engführung unseres Lebens befreien, - für eine beschränkte Zeit. Das habe ich vorhin den metaphysischen Glanz des Reisens genannt. Er intensiviert sich zum hermeneutischen Lichtschein, wenn im Ort ein philosophisches Thema Resonanz findet, oder wenn – umgekehrt gewendet – die Vorträge, die Texte und die Diskussionen eine zusätzliche Artikulationskraft gewinnen in der Aura eines bedeutsamen Platzes.

Der kommunikative Prozess des Philosophierens während einer Reise

Der Erfolg aber einer philosophischen Reise steht und fällt mit etwas anderem. Und das ist so unwägbar wie die Kunst, es ist nicht erzwingbar, es ist, wenn es eintritt, jedes Mal wieder wie ein großes Wunder. Es ist der kommunikative Prozess selbst.

Am dritten Reisetag verändert sich in der Regel die Atmosphäre in der Gruppe. Einige Duzen sich nun, am gestrigen Abend sind sie sich persönlich näher gekommen. Die Stimmung am Frühstücksbuffet ist aufgekratzt und munter, der Geräuschpegel hoch. In der morgendlichen Diskussionsrunde tauchen erste Rückerinnerungen an gestrige Gesprächssequenzen auf: die Gruppe ist dabei, sich eine eigene diskursive Identität zu geben. Die Teilnehmenden erkennen sich in ihren Positionen, sie kennzeichnen sich und sie markieren die anderen, und in den nächsten Tagen wird daraus ein humorvolles Spiel. Die Sprache wird leichtfüßiger, freier, persönlicher, selbst bei denen, die dazu neigen, sich an Sprachschablonen zu halten, in der Regel sind dies eher die Männer. Krusten brechen auf, in Windeseile geschieht solches, schließlich zielen die philosophischen Gespräche ja immer in das Herz einer Person, oder besser gesagt: in den Diskussionen, in denen es immer um das Wesentliche geht, offenbaren sich Charaktere. Ein kommunikatives Netz knüpft sich, und hier, wenn irgendwo, liegt der Schlüssel für den Erfolg der Reise, es ist, als ob das Interesse an den philosophischen Gegenständen doch zweitrangig ist und überragt wird vom Interesse an einem freien, humorvollen, explorativen Gespräch. Oder – sollte beides gar dasselbe meinen können? Schließlich erwächst während einer philosophischen Woche das Gesprächsklima aus der philosophischen Thematik heraus, so dass zu mutmaßen ist, in jenem freien Gespräch verwirkliche sich das philosophische Thema. Das wäre, wenn es so wäre, eine für die Tätigkeit eines philosophischen Praktikers sehr ansprechend Perspektive. Schließlich ist damit doch gesagt, ein philosophischer Gedanke verwirkliche und vollende sich allererst auf der dialogischen Bühne, etwa so, wie wenn man sagt, ein Theaterstück oder ein Konzert habe seine Möglichkeiten noch nicht ausgereizt, solange es noch nicht zur Aufführung gelangt sei. Aber wir wollen den Vergleich nicht überdehnen, sondern abschließend lieber noch untersuchen, ob die rege gemachte Vermutung denn stimmt, und ich rudere mit diesem Plan in der Faust zurück zur Frage danach, wie der alles entscheidende kommunikative Prozess denn entsteht. Wir sind nun Zaungäste einer Runde, es ist der wichtige zweite oder dritte Tag, nun entscheidet sich, ob die Gruppe einen starken kommunikativen Prozess wird starten können, ob sie eine eigene Seele ausbilden kann, ein Vokabular prägen wird, auf das sich die Teilnehmenden von Zeit zu Zeit dann gemeinschaftsbildend beziehen können, oder ob die Gruppe nur ein Ensemble von Individuen bleiben wird, so dass der Seminarleiter den langen Rest der Woche vergeblich versuchen wird, die Gruppe zu beseelen. Wir sind, wie gesagt, Zaungäste, und die nun folgende Situation ist typisch für jede meiner Reisen, wiewohl die ausgewählte Thematik darauf schließen lässt, dass die Gruppe sich mit Naturphilosophie beschäftigt.

Unser Blick streift also über das Dorf Lipari auf das im Morgenlicht gleißende Tyrrhenische Meer, wir sitzen im Garten unter Palmen, und gerade hat eine Frau geredet. Sie hat, das fiel uns nun schon mehrfach auf, sie hat ein Faible für das Spirituelle. Immer dann, wenn eine Problemlage in einem Dissens endet, in einer nicht weiter auflösbaren und harmonisierbaren Situation, vollzieht sie einen Sphärensprung aus der Philosophie in die Esoterik. Sie sieht in Ambiguitäten keine philosophische Offenheit, sondern eine Sackgasse, und sie fühlt sich in ihrer mystischen Weltanschauung bestätigt, weil sie meint, die theoretischen Sackgassen riefen geradezu nach einem nichtdualistischen Denken, das uns herausführen könne aus der Falle, in die uns die dualistische Ratio geführt habe. Natürlich bekommt sie Widerspruch, zunächst eher verdeckt, dann aber vehementer von einer Biologin, die klarstellt, dass die heutige Wissenschaft nicht mehr so stark auf den Dualismus gespannt sei wie noch in der klassischen Wissenschaftsphase, dass die nachklassische Wissenschaft ihren objektivierenden Blick aufgegeben habe und durchaus mit Positionen liebäugele, in denen auch der organischen Materie Leben zugesprochen werde. Dann wird sich irgendwann der Seminarleiter dazuschalten, um die Hintergründe dieser beiden Positionen zu beleuchten, und er wird den Vorschlag lancieren, alle Weltdeutungen, seien es wissenschaftliche, philosophische, religiöse oder mystisch-esoterische, als Konstrukte zu begreifen, deren Wahrheitsfähigkeit nicht darin besteht, dass sie mit einem objektiven Sosein der Welt übereinstimmen. Natürlich werden sich sofort Fragen erheben ob der Stimmigkeit einer solchen Ansicht, es werden die Wissenschaftsobjektivisten dem Seminarleiter arg zusetzen, andere werden stiller zustimmen, und wie auch immer die jeweilige Gemengelage in der Gruppe ist, - der philosophische Prozess ist in Gang gekommen. Nun kommt alles auf das intellektuelle und empathische Fingerspitzengefühl des Seminarleiters an. In dieser Phase wird er immer wieder auf einen allgemeinen Konsens hinarbeiten, so es ihn denn gibt, er wird ihn eigens herausstellen, jenen gemeinsamen diskursiven Nenner, von dem aus die einzelnen Diskutanten ihre dann konkurrierenden Anschauungen entfalten können, einen Konsens nämlich, der es allen Diskutanten erlaubt, wieder anzudocken in der Gruppe. Der Konsens ist mehr als nur ein theoretischer Konsens, ja er ist eigentlich alles andere als das, denn seine Funktion ist in erster Linie eine soziale. Er gewährt den einzelnen Teilnehmenden die emotionale Gewissheit, zusammen zu gehören, er macht aus Teilnehmern Gruppenmitglieder. Und mit dieser integrativen Leistung ermöglicht der Gruppenkonsens den einzelnen Diskutanten, in Freiheit abzuweichen vom Einvernehmen, ja sogar zu provozieren und andere Meinungen zu ironisieren. Im Verlaufe des kommunikativen Prozesses tritt der theoretische Gehalt des Gruppenkonsenses immer mehr in den Hintergrund, ja, es kann sogar sein, dass man ihn irgendwann gar nicht mehr anzugeben weiß. Dafür ist die emotionale Übereinkunft in den Vordergrund getreten. Die Teilnehmenden fühlen sich wohl, der Humor hat sich ausgebildet, und der Seminarleiter spürt irgendwann, dass die Gruppe in sich sehr stabil geworden ist. Mir persönlich tritt dies zumeist in der Gewissheit entgegen, dass selbst eine große, von mir zu verantwortende Eselei die Reise nicht mehr kippen kann.

Natürlich ist der Grundkonsens wie auch die aus ihm erwachsende kommunikative Welt der Seminarwoche ganz unmittelbar mit der Person des Seminarleiters verbunden, der ja zudem auch ein Reiseleiter ist. Und genau in dieser Doppelrolle liegt seine große Manövrierfähigkeit. Er kann gemeinsame Exkursionen unter dem Gesichtspunkte planen, ob und wie die Ausflüge thematisch und gruppendynamisch Sinn machen. Eine philosophische Reise ist ein kunstvoll geschnürtes Ganzes, das Erlebnisräume bieten muss für die stille Emotion, für die menschliche Begegnung auch über private Themen, für das kleine Abenteuer beim Wandern, für die Stunden sozialer Gemeinsamkeit wie beim abendlichen Essen in der Taverne und vieles andere mehr. Gleichwohl, der Erfolg ist nicht planbar. Denn worauf es letztlich ankommt, das ist das Ereignis der Kommunikation selbst, - der philosophischen wie der außerphilosophischen. Es gibt keinen Automatismus, der vom philosophischen Problem zum lebendigen Dialog führt. Die vorhin gewendete Vermutung, das philosophische Thema verwirkliche und vollende sich im Gespräch, diese Vermutung darf also nicht im Sinne eines Selbstläufers verstanden werden. Nein, der philosophische Praktiker ist es, der in seiner Individualität, in seiner Persönlichkeit den Schritt vom philosophischen Thema zum dialogischen Erlebnis ermöglicht. Aber er ist es nicht allein. Es ist ebenso die Gruppe. Der Seminarleiter kann rudern, soviel er mag, wenn die Gruppe nicht mitzieht, rudert er sich die Hände schwielig, - sei es, dass der Leiter die Gruppe nicht erreicht, sei es, dass die Gruppe in ihrer Zusammensetzung keine soziale Identität erreichen kann.

All das, was ich gerade über den kommunikativen Prozess ausgeführt habe, trifft natürlich auch für andere Formen philosophischer Praxis zu. Eine philosophische Reise ist gleichwohl ein riskantes Abenteuer, für die Teilnehmer wie auch für den Seminarleiter. Es ist ja alles voller Gespräch, sieben, acht Tage lang! Was kann in dieser Zeit nicht alles geschehen! Es ist wie ein Eintauchen in einen Fluss, mit dem Unterschied allerdings, dass die Teilnehmenden selber die Strömung ventilieren. Freiheit also und Selbstbestimmung, allerdings nicht in der modernen Isolationskammer des versprengten, vereinsamten Individuums, sondern in einer kleinen Gemeinschaft. Ein gelebter Utopismus also. Und mit der Utopie teilt das Eintauchen in den Fluss die Ungewissheit, wohin es uns denn treibt. Eine philosophische Reise ist so offen wie die Philosophie selbst.