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HansGünterClaus

Die Philosophie des Dalai Lama

 

Der eigentliche Zerstörer unseres Glücks
sitzt immer in uns selbst.

Dalai Lama

 

I. Aus der Autobiographie

Was ist ein Dalai Lama?

Unter einem »Dalai Lama« stellen sich die Menschen Verschiedenes vor. Für einige bin ich ein lebender Buddha, die Verkörperung von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Andere halten mich für einen »Gottkönig«. Gegen Ende der fünfziger Jahre bedeutete dieser Titel, daß ich der stellvertretende Vorsitzende des Ständigen Ausschusses der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (PKKDCV) war. Und als ich dann ins Exil floh, nannte man mich einen Konterrevolutionär und Parasiten. Das alles entspricht aber nicht meinen eigenen Vorstellungen. Für mich bezeichnet »Dalai Lama« das Amt, das ich innehabe. Ich selbst sehe mich in erster Linie als einen Menschen und dann erst als einen Tibeter, der es sich ausgesucht hat, ein buddhistischer Mönch zu sein. ...

Buddhisten glauben, daß man aus dem unaufhörlichen Kreislauf von Geburt, Leiden, Tod und Wiedergeburt, der das Leben ausmacht, ausbrechen kann, aber erst, wenn alles negative Karma ausgelöscht ist und wir nichts Weltlichem mehr verhaftet sind. Gelangt man an diesen Punkt, erreicht das Bewußtsein die Befreiung, und man wird schließlich zum Buddha. Der tibetischen Tradition des Buddhismus zufolge kehrt ein Wesen, das die Buddhaschaft bereits erlangt hat, selbst dann zu den Lebenden zurück, wenn es vom Samsara, dem Kreis des Leidens, wie das Phänomen der Existenz genannt wird, befreit ist, und setzt sich so lange für das Wohl aller fühlenden Wesen ein, bis alle befreit sind.

Mich sieht man als die Reinkarnation eines jeden der vorangegangenen dreizehn Dalai Lamas von Tibet, eine Linie, die im Jahre 1351 begann. Diese wiederum sind Verkörperungen von Avalokiteshvara, auf tibetisch Chenrezig, dem Bodhisattva des Mitgefühls, des liebevollen Sich-Hinwendens, und Träger der weißen Lotosblüte. So glaubt man auch von mir, daß ich eine Inkarnation von Chenrezig bin, und zwar die vierundsiebzigste in einer Linie, die man bis zu einem Brahmanenjungen, einem Zeitgenossen des Buddha Shakyamuni, zurückverfolgen kann.

Ich werde oft gefragt, ob ich das wirklich glaube. Die Antwort darauf ist nicht leicht. Doch wenn ich als Sechsundfünfzigjähriger auf meine Erfahrungen in diesem Leben zurückblicke und hinzunehme, was ich als Buddhist glaube, dann fällt es mir nicht schwer zu akzeptieren, daß es zwischen mir und den früheren dreizehn Dalai Lamas, Chenrezig und selbst Buddha eine spirituelle Verbindung gibt.

 

    6. Juli 1935: geboren in Taktser in der Provinz Amdo, Nordost-Tibet

    1937/38 wurde der kleine Knabe als Reinkarnation seines Vorgängers ‘erkannt’.

    1939 Umzug nach Lhasa

    1940 formell als tibetisches Staatsoberhaupt eingesetzt

    1949 Einfall der Chinesen in Tibet

    1950 Vorzeitige Volljährigkeitserklärung und Inthronisation des Dalai Lama, dadurch Übertragung der vollen weltlichen Macht auf ihn

    1950/51 Flucht nach Dromo, Südtibet

    1951 Rückkehr nach Lhasa neun Monaten

    1954/55 Reise nach China, Zusammentreffen mit Mao Tse Tung und Zhou En Lai

    1956/7 Reise nach Indien, Zusammentreffen mit Pandit Nehru

    1959 Aufstände in Lhasa, Flucht des Dalai Lama ins indische Exil. Massenerschießungen und Hinrichtungen in Tibet. 80.000 Tibeter folgen dem Dalai Lama ins Exil.

    1989 Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama

Wie der Dalai Lama erkannt wurde

Als ich noch nicht einmal drei Jahre alt war [d.i. im Jahre 1937], kam ein von der Regierung in Lhasa ausgesandter Suchtrupp zum Kloster Kumbum, um die Reinkarnation des Dalai Lama ausfindig zu machen. Eine Reihe von Anzeichen hatte sie dorthin geführt. Eines betraf meinen Vorgänger Thupten Gyatso, den XIII. Dalai Lama, der 1933 in seinem siebenundfünfzigsten Lebensjahr gestorben war. Sein einbalsamierter Körper war feierlich auf einen Thron gesetzt worden, sein Gesicht nach Süden gerichtet. Nach einiger Zeit stellte man fest, daß sich der Kopf nach Nordosten gedreht hatte. Nicht lange danach hatte der Regent von Tibet, selbst ein ranghoher Lama, eine Vision am heiligen See Lhamoi Latso, im Süden Tibets. Auf der Wasseroberfläche konnte er klar die drei tibetischen Silbenzeichen ah, ka und ma erkennen, gefolgt von dem Bild eines dreistöckigen Klosters mit einem türkis- und goldfarbenen Dach, von dem aus ein Pfad zu einem Hügel führte. Schließlich sah er ein kleines Haus mit einer eigenartigen Dachrinne. Er war sicher, daß sich das Silbenzeichen ah auf Amdo bezog, die nordöstliche Provinz, und so wurde ein Suchtrupp dorthin entsandt.

Als der Trupp nach drei Monaten das Kloster Kumbum erreichte, hatten alle Beteiligten das Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein. Wenn das Silbenzeichen ah für Amdo stand, dann mußte ka ein Hinweis auf das Kloster in Kumbum sein, das tatsächlich dreistöckig war und ein türkis- und goldfarbenes Dach hatte. Sie mußten jetzt nur noch den Hügel und das Haus mit der seltsamen Dachrinne ausfindig machen.

Als sie nach einigem Suchen in den Nachbardörfern die knorrigen Wacholderäste am Dach meines Elternhauses sahen, wußten sie, daß der neue Dalai Lama nicht mehr weit sein konnte. Ohne den wahren Zweck ihrer Reise bekanntzugeben, baten sie meine Eltern um ein Lager für eine Nacht. Der Führer der Gruppe, Kewtsang Rinpoche, gab vor, ein Diener zu sein, und verbrachte den Abend damit, den Kleinsten im Hause zu beobachten und mit ihm zu spielen. Das Kind erkannte ihn und rief: »Sera Lama, Sera Lama!« Sera hieß das Kloster von Kewtsang Rinpoche.

Am nächsten Tag reiste die Gruppe ab, kehrte aber ein paar Tage später als offizielle Delegation zurück. Diesmal brachten sie eine Reihe von Gegenständen mit, die dem XIII. Dalai Lama gehört hatten, zusammen mit anderen, ähnlichen, die nicht von ihm stammten. Der Kleine konnte sie alle richtig identifizieren, indem er bei den entsprechenden Gegenständen rief: »Das gehört mir, das gehört mir!« Der Suchtrupp war nun weitgehend davon überzeugt, daß er die neue Inkarnation des Dalai Lama gefunden hatte. Bevor man aber eine endgültige Entscheidung treffen konnte, mußten noch andere Kandidaten überprüft werden. Man brauchte aber nicht lange, bis der kleine Junge von Taktser als der neue Dalai Lama anerkannt wurde. Dieser Junge war ich.

Der erste Indien-Besuch des Dalai Lama (1956)

Das Flugzeug brachte uns nach Allahabad, wo wir unser Mittagessen einnahmen, und dann weiter zum Palam-Flughafen nach Neu Delhi. Als wir so Tausende von Metern über Indiens Landschaft und Städten, in denen es nur so von Menschen wimmelte, flogen, dachte ich darüber nach, wie sehr sich Indien doch von China unterschied. Obwohl ich erst so kurz dort war, hatte ich bereits bemerkt, wie groß der Kontrast zwischen den Lebensweisen in beiden Ländern war. Irgendwie schien Indien viel offener und in Einklang mit sich selbst zu sein.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als wir in der indischen Hauptstadt landeten. ... Die Menschen brachten ihre wahren Gefühle zum Ausdruck und sagten nicht nur, was sie glaubten, sagen zu müssen. ... Demgegenüber schien in der Volksrepublik China die Vorstellung vorzuherrschen, daß man andere umstimmen konnte, indem man sie unter Druck setzte. Jetzt, wo ich einen direkten Vergleich ziehen konnte, wurde mir klar, daß der chinesische Ansatz auf einem Trugschluß beruhte. Freundschaft kann sich nur auf der Basis von Wahrheit und gegenseitigem Respekt entwickeln. Hierdurch kann man Menschen für sich gewinnen, aber niemals mit Gewalt.

Der politische Standpunkt des Dalai Lama

Wenn ich überhaupt einer politischen Richtung angehöre, dann bin ich wohl noch immer ein halber Sozialist. Ich habe nichts gegen den Kapitalismus, solange er in einer menschlichen Weise praktiziert wird. Aufgrund meiner religiösen Vorstellungen tendiere ich jedoch in Richtung Sozialismus und Internationalismus, die sich eher mit den buddhistischen Prinzipien vereinbaren lassen. Was mir auch am Sozialismus gefällt, ist die Auffassung, daß der Mensch letztlich selbst für sein Schicksal verantwortlich ist. Genau dasselbe besagt auch der Buddhismus.

Dem steht allerdings die Tatsache gegenüber, daß in den kapitalistischen Ländern mit einer demokratischen Grundordnung weit mehr Freiheit herrscht als in jenen Ländern, die das kommunistische Ideal verfechten. Daher bin ich für eine Regierungsform, die darauf ausgerichtet ist, der gesamten Gesellschaft in humaner Weise zu dienen: den Jungen, den Alten und den Behinderten ebenso wie denen, die direkt zur Produktivität der Gesellschaft beitragen.

Wenn ich wählen müßte, würde ich einer der Umwelt-Parteien meine Stimme geben. Eine der erfreulichsten Entwicklungen der jüngsten Zeit ist das auf der ganzen Erde zunehmende Bewußtsein von der Bedeutung der Natur für das menschliche Leben. Das hat nichts mit Religion zu tun. Sich um unseren Planeten zu kümmern ist dasselbe, wie sich um das eigene Haus zu kümmern. Da wir Menschen ein Teil der Natur sind, ist es sinnlos, wenn wir uns gegen sie richten, weshalb ich auch behaupte, daß Umweltschutz keine Frage der Religion, der Ethik oder der Moral ist. Dergleichen ist Luxus, da wir auch ohne sie überleben können. Wenn wir die Natur aber weiterhin zerstören, werden wir nicht überleben.

Das Problem mit der Gewaltlosigkeit angesichts der Tragödie Tibets

Am .5. März 1989 kam es in Lhasa wieder zu Demonstrationen, die drei Tage dauerten. In einem allgemeinen Ausbruch der Unzufriedenheit, wie es ihn in dieser Heftigkeit seit 1959 nicht mehr gegeben hatte, gingen viele Tausende auf die Straßen. Im Gegensatz zu früher hielten sich die Sicherheitskräfte am ersten Tag im Hintergrund, beobachteten und filmten das Geschehen lediglich; Ausschnitte davon wurden dann am Abend im Fernsehen gezeigt. An den beiden darauffolgenden Tagen aber reagierten sie mit Schlagstockeinsätzen und wahllosen Erschießungen. Zeugenaussagen zufolge schossen sie mit Maschinengewehren in tibetische Häuser, wodurch ganze Familien ums Leben kamen.

Leider griffen die Tibeter daraufhin nicht nur die Polizei- und Sicherheitskräfte an, sondern in einigen Fällen auch unschuldige chinesische Zivilisten. Das stimmte mich sehr traurig, da es sinnlos ist, daß Tibeter zur Gewalt greifen. Wir sind sechs Millionen Tibeter gegen mehr als eine Milliarde Chinesen, die, wenn sie wollen, das gesamte tibetische Volk auf einen Schlag vernichten können. Es wäre viel sinnvoller, wenn die Menschen versuchten, ihre vermeintlichen Feinde zu verstehen. Anderen verzeihen zu lernen ist viel nützlicher, als einen Stein in die Hand zu nehmen und ihn dem Objekt unseres Zornes entgegenzuschleudern, besonders dann, wenn die Versuchung dazu groß ist. Denn gerade in Zeiten der größten Not besteht auch die beste Möglichkeit, für sich und andere etwas Gutes zu tun.

Mir ist aber bewußt, daß solche Worte für die meisten Menschen wirklichkeitsfremd sind. Ich verlange damit zu viel. Es ist nicht richtig, daß ich von den Tibetern, die Tag für Tag in einem solchen Elend leben, verlange, die Chinesen auch noch zu lieben. Während ich die Anwendung von Gewalt also nie gutheißen werde, akzeptiere ich, daß Gewalt zuweilen nicht verhindert werden kann.

II. Buddhistische Grundüberzeugungen

Buddhismus zu studieren,
um ihn dann in der Kritik anderer Theorien und Ideologien als Waffe zu benutzen, ist falsch.

Dalai Lama

Die Einheit der buddhistischen Schulen

Wie Sie vielleicht wissen, hat Buddha auf verschiedene Art und Weise gelehrt, und so gibt es innerhalb des Buddhismus verschiedene philosophische Systeme wie zum Beispiel die Vaibh¥shika-Schule, die Sautr¥ntika-Schule, die Chittam¥tra-Schule und die M¥dhyamika-Schule. Jede dieser Schulen beruft sich auf Aussagen Buddhas in den Sutras. Nun könnte man denken, daß der Buddha, wenn er die Dinge auf so unterschiedliche Art und Weise erklärt hat, wohl selbst nicht so genau Bescheid wußte, aber das ist keineswegs der Fall! Vielmehr kannte Buddha die unterschiedlichen geistigen Voraussetzungen seiner Schüler, und dem trug er Rechnung. Der einzige Grund, aus dem eine Religion erklärt werden sollte, ist der, den Wesen zu nützen, nicht, berühmt zu werden, und so lehrte Buddha immer so, wie es für die jeweiligen Zuhörer mit ihren spezifischen Voraussetzungen am nützlichsten war. Das zeigt, wie sehr Buddha Sh¥kyamuni selbst die A uffassungen und Rechte des einzelnen respektierte. Eine Unterweisung mag äußerst tiefgründig sein, aber wenn sie für eine bestimmte Person nicht geeignet ist oder ihr nicht entspricht, was nützt sie dann? Der Dharma läßt sich mit einer Medizin vergleichen. Der Zweck der Medizin ist es, Krankheiten zu heilen. Der Preis ist dabei nicht ausschlaggebend. Eine Medizin mag noch so kostbar und teuer sein – wenn es für die Krankheit des Patienten nicht die richtige ist, kann sie ihm nicht helfen.

Zwei Grundprinzipien

Wenn ich Unterweisungen über den Buddhismus gebe, ist es mir immer wichtig, sie im Hinblick auf zwei grundlegende Prinzipien zu geben. Das erste ist die abhängige Natur der Wirklichkeit. Die gesamte buddhistische Philosophie beruht auf einem Verständnis dieser grundlegenden Wahrheit. Das zweite Prinzip ist das der Gewaltlosigkeit, das heißt die Handlungsweise eines Dharma-Praktikers, der ein Verständnis der abhängigen Natur der Wirklichkeit hat. Wir sollten unser Bestes tun, um anderen zu helfen, und wenn das nicht möglich ist, ihnen wenigstens keinerlei Schaden zufügen.

Karma

Freude und Schmerz werden durch unsere eigenen früher begangenen Handlungen (karman) verursacht. So kann Karma ohne Schwierigkeiten in einem kurzen Satz erklärt werden. Handeln wir gut, wird alles gut werden, und handeln wir schlecht, werden wir leiden müssen.

Karma bedeutet Handlung. Hinsichtlich des Modus der Handlungen können körperliche, verbale und mentale Handlungen unterschieden werden. Hinsichtlich ihrer Wirkungen sind Handlungen entweder tugendhaft, lasterhaft oder neutral. ... In jedem Augenblick häufen wir Karmas an. Spricht man mit einer guten Motivation, wird als unmittelbares Resultat eine freundliche Atmosphäre erzeugt; gleichzeitig schafft diese Handlung aber auch einen Eindruck im eigenen Bewußtsein und schafft damit die Voraussetzung für Freude in der Zukunft. Bei schlechter Motivation wird unmittelbar eine feindselige Atmosphäre erzeugt, und für den Sprecher ist damit die Saat für zukünftigen Schmerz gesät.

Die Lehre des Buddha ist, daß ich mein eigener Meister bin und alles von mir selbst abhängt. Dies bedeutet, daß Freude und Schmerz aus unseren eigenen tugendhaften oder lasterhaften Handlungen erwachsen, also nicht von außen, sondern von innen kommen. Diese Theorie ist im täglichen Lebensvollzug von großem Nutzen, denn sind wir einmal zu der Einsicht gekommen, daß zwischen einer Handlung und ihrer Wirkung ein Zusammenhang besteht, werden wir beständig auf der Hut sein und uns selbst kontrollieren, ganz gleich, ob wir beobachtet werden oder nicht. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, hier läge Geld oder ein kostbarer Edelstein und es sei niemand in der Nähe. Sie könnten es ohne Schwierigkeiten nehmen. Glauben Sie jedoch an die Lehre vom Karma, so werden Sie dieser Versuchung widerstehen, denn die ganze Verantwortung für die eigene Zukunft liegt ja auf Ihnen selbst.

Was ist ein Buddhist?

Buddhist wird man, wenn man in sich eine Einstellung der Zufluchtnahme zu den »Drei Kostbarkeiten« entwickelt und Bodhichitta, die altruistische Einstellung des Geistes, die als Erbarmen bezeichnet wird, unser gutes Herz also, im eigenen Geist erzeugt. Die Drei Kostbarkeiten sind Buddha, Dharma oder die Unterweisungen Buddhas, und Sangha oder die Gemeinschaft derjenigen, die den Dharma praktizieren. Es ist offensichtlich, daß die Motivation, anderen zu helfen, das eigentliche Anliegen sowohl der Zufluchtnahme wie auch des Bodhichitta ist. Das Erzeugen von Bodhichitta, dem »Geist der Erleuchtung«, umfaßt Handlungen, die ganz ausdrücklich auf das Wohl der anderen ausgerichtet sind und zu denen man sich verpflichtet. Die Zufluchtnahme bildet die Grundlage, auf der ein Anwender einem reinen ethischen Verhalten folgt, Handlungen, die anderen schaden, vermeidet und das Gesetz des Karma respektiert.

Solange uns die grundlegende Erfahrung der Zufluchtnahme zu den »Drei Kostbarkeiten« fehlt, sind wir nicht in der Lage, echtes Bodhichitta zu entwickeln. Ob jemand also ein Dharma-Praktiker, das heißt ein Buddhist ist oder ein Nicht-Buddhist, hängt davon ab, ob diese Person Zuflucht zu den »Drei Kostbarkeiten« nimmt oder nicht.

Wenn vom Zufluchtnehmen die Rede ist, sollte man sich allerdings nicht einfach ein Ritual vorstellen, in dessen Verlauf jemand formell bei einem Meister Zuflucht nimmt, noch daß man durch die bloße Anwesenheit bei einer solchen Zeremonie Buddhist wird. Es gibt ein Ritual, aber allein bewirkt es gar nichts. Man muß durch eigenes Nachdenken, sogar ohne die Hilfe eines Meisters, zu der Überzeugung gelangen, daß Buddha, Dharma und Sangha die letztlichen gültigen Objekte der Zuflucht sind. Dann kann man sich als Buddhist bezeichnen. Man vertraut das eigene geistige Wohl den »Drei Kostbarkeiten« an. Das ist die wahre Bedeutung des Zufluchtnehmens.

Was ist ein Buddha?

Wenn wir in diesem Zusammenhang von Buddha sprechen, sollten wir unser Verständnis dieses Begriffs nicht auf die historische Persönlichkeit beschränken, die in Indien auftrat und eine bestimmte spirituelle Lebensart lehrte. Vielmehr sollte unser Verständnis von Buddhaschaft auf Stufen des Bewußtseins basieren, oder Stufen spiritueller Erkenntnis und Verwirklichung. Buddhaschaft ist ein Zustand des Geistes. Deshalb kann man auch von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Buddhas sprechen, wie es in den buddhistischen Schriften der Fall ist.

Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus

Wurzel des buddhistischen Denkens sind die Vier Edlen Wahrheiten – das wirkliche Leiden, seine Ursachen, seine Beendigung und der dafür zu beschreitende Weg.

[Leiden]

Zu Beginn ist es von höchster Bedeutung, das Leiden als solches zu erkennen. Wir unterscheiden im allgemeinen drei Grundformen des Leidens. Das Leiden des Schmerzes ist das, was wir gewöhnlich als körperliches oder psychisches Leiden bezeichnen, zum Beispiel Kopfschmerzen. Nicht nur Menschen, sondern auch die Tiere kennen den Wunsch, von diesem Leiden befreit zu sein. Es gibt Mittel, diese Art von Leiden zu lindern oder zu vermeiden. Man nimmt Medizin, kleidet sich warm und bemüht sich, den Ursachen des Schmerzes auszuweichen.

Die zweite Form, das Leiden des Wandels, ist das, was wir oberflächlich als Vergnügen empfinden, das aber, schauen wir genauer hin, in Wahrheit Leiden ist. Nehmen wir als Beispiel etwas, das wir normalerweise als Vergnügen betrachten, wie den Kauf eines neuen Autos. Solange es neu ist, empfinden wir Glück, sind zufrieden und angetan. Benutzen wir es aber einige Zeit, tauchen Probleme auf. Wäre das Auto in sich selbst eine vergnügliche Sache, müßte das Vergnügen mit zunehmendem Gebrauch der Ursache dieses Vergnügens – des Autos also – wachsen. Aber dem ist nicht so. je mehr wir das Fahrzeug benutzen, desto größere Schwierigkeiten verursacht es. Deshalb nennt man einen solchen Fall Leiden des Wandels, denn durch Veränderung wird die Natur dieser Form des Leidens offenbar.

Die dritte Form des Leidens ist Grundlage für die anderen beiden, was durch unsere eigenen verunreinigten geistigen und physischen Bedingungen illustriert wird. Es wird als Leiden der allbestimmenden Verursachung von Wiedergeburt bezeichnet, da alle Wesen, die im Kreislauf der Geburten wandern, von ihm betroffen sind, und da es der Grund nicht nur für gegenwärtiges Leiden, sondern auch für zukünftiges ist. Es gibt keine Möglichkeit, dieser Form des Leidens zu entgehen, es sei denn, daß das Kontinuum der Wiedergeburten aufgelöst wird.

Dies sind die drei Formen des Leidens, die man zuerst erkennen muß. Es geht also nicht bloß um Gefühle, die wir als leidvoll empfinden, sondern um die äußeren und inneren Erscheinungen, von denen die Entstehung der entsprechenden Gefühle abhängig ist. Die Bewußtseinszustände und geistigen Faktoren, die sie begleiten, werden ebenfalls als leidvoll bezeichnet.

[Die Ursachen des Leidens]

Was sind die Ursachen dieser Leiden? Auf Grund welcher Zustände entsteht Leiden? Es gibt zwei Ursachen. (1) Karma und (2) die leidverursachenden Emotionen; diese beziehen sich auf die zweite der Vier Edlen Wahrheiten, auf die wahren Ursachen des Leidens. Karma oder Handeln betrifft die verunreinigten körperlichen, sprachlichen und geistigen Handlungen. Im Blick auf ihr Wesen oder ihre Natur gibt es drei Arten von Handlungen: tugendhafte, lasterhafte und neutrale. Tugendhaft sind Handlungen dann, wenn sie erfreuliche oder gute Wirkungen haben. Lasterhaft sind sie, wenn sie schmerzverursachende oder schlechte Wirkungen zeitigen.

Die drei grundlegenden leidverursachenden Emotionen sind Unwissenheit, Begierde und Haß. Sie verursachen eine Reihe anderer Leidenschaften wie etwa Eifersucht und Feindseligkeit. Um die Karmas oder Handlungen, die ja Quelle des Leidens sind, auszulöschen, muß man diese ursächlichen Leidenschaften überwinden. Deshalb sind die leidverursachenden Emotionen und nicht die Karmas letztlich Hauptursache des Leidens.

[Beendigung des Leidens]

Fragt man danach, ob die leidverursachenden Emotionen überwunden werden können oder nicht, befaßt man sich mit der dritten der Edlen Wahrheiten, der Beendigung des Leidens. Wären die leidverursachenden Emotionen in der Natur des Geistes begründet, könnte man sie nicht überwinden. Würde etwa das Hassen in der Natur des Geistes liegen, wären wir voller Haß, solange wir bewußte Wesen sind, aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Dasselbe gilt in bezug auf unser Verhaftet-Sein. Also können wir schlußfolgern, daß das Wesen des Geistes bzw. des Bewußtseins durch jene Faktoren nicht verunreinigt ist. Deshalb können die Verunreinigungen von der Geistnatur abgetrennt und beseitigt werden.

Es ist offenkundig, daß unsere guten inneren Einstellungen und die schlechten inneren Einstellungen einander ausschließen. So können etwa in derselben Person Liebe und Ärger nicht gleichzeitig entstehen. Ist man wegen einer Sache ärgerlich, kann man nicht gleichzeitig und in bezug auf dieselbe Sache Liebe empfinden, und ähnlich, wenn man etwas liebt, kann man nicht gleichzeitig hinsichtlich desselben Objekts Ärger empfinden. Dies bedeutet, daß beide Bewußtseinszustände einander ausschließen. Demzufolge muß die eine Art der inneren Einstellungen um so schwächer werden, je mehr man die andere einübt und pflegt. Aus diesem Grund verschwindet die schlechte Seite automatisch, wenn man heilende Hinwendung und Liebe übt.

Damit ist bewiesen, daß die Ursachen des Leidens schrittweise beseitigt werden können. Die völlige Ausschaltung der Ursachen bedeutet das Ende des Leidens. Das ist die endgültige Befreiung, wirklicher, ewiger Friede, Heil. Es ist dies die dritte der Vier Edlen Wahrheiten.

[Der Weg zur Beendigung des Leidens]

Auf welchen Weg soll man sich begeben, um das Leid überwinden zu können? Da das Übel hauptsächlich vom Bewußtsein kommt, müssen die Mittel zur Überwindung des Übels in den betreffenden Bewußtseinszuständen gesucht werden. Man muß die wirklichen Existenzbedingungen aller Erscheinungen erkennen, am wichtigsten ist es aber, die letztgültige Wirklichkeit des Geistes zu erfassen.

Zuerst muß man dabei erneut die Natur des Geistes, so wie sie ist, auf völlig nicht-dualistische Weise direkt erfahren. Dies wird als Weg des Sehens bezeichnet. Dann, im nächsten Schritt, soll man mit dieser Einsicht vertraut werden und sich darin üben. Dies wird als Weg der Meditation bezeichnet. Noch vor diesen zwei Stadien muß man eine dualistische meditative Stabilisierung üben und erreichen, die durch die Vereinigung vom stetigen Ruhen des Bewußtseins in einem Punkt (samatha) und besonders tiefer Einsicht (vipasyana) entsteht. Dies sind die Ebenen des Weges, die vierte Edle Wahrheit, die zur Verwirklichung der dritten Edlen Wahrheit erforderlich sind. Diese Beendigungen des Leidens sind Stadien, in denen der Inhalt der ersten beiden Edlen Wahrheiten – Leiden und seine Ursachen – nicht mehr existiert. Die vier Wahrheiten sind die Grundstruktur buddhistischen Denkens und buddhistischer Praxis.

III. Schwierigere, aber zentrale Lehren

Die Leerheit gleicht der Zahl Null.
Die Null selbst ist Nichts, aber ohne die Null
kann man überhaupt nichts zählen.
Daher ist die Null etwas, aber sie ist null.

Dalai Lama

Die Lehre von den Abhängigkeiten

In den Sutras erklärte der Buddha verschiedentlich, daß jemand, der die abhängige Natur der Wirklichkeit erkennt, den Dharma sieht, und wer den Dharma sieht, sieht den Buddha. ... Das Prinzip des abhängigen Entstehens, das allen buddhistischen Schulen gemein ist, ... besagt, daß alle bedingten Objekte und Ereignisse in diesem Universum nur als Resultat des Zusammenwirkens verschiedener Ursachen und Umstände entstehen. Diese Aussage ist deshalb so bedeutsam, weil sie zwei Möglichkeiten von vornherein ausschließt, nämlich zum einen die Möglichkeit, daß Dinge aus dem Nichts entstehen können, ohne Ursachen und Umstände, und zum anderen, daß sie durch einen transzendenten Schöpfer zum Entstehen kommen. Beide Möglichkeiten werden verneint. ...

Drittens kann abhängiges Entstehen folgendermaßen verstanden werden: Alle Dinge und Ereignisse entstehen einzig durch das Zusammenkommen der Faktoren, aus denen sie sich zusammensetzen. Wenn man sie analysiert, indem man sie im Geist in ihre Bestandteile zerlegt, sieht man, daß alles nur abhängig von seinen Faktoren entsteht. Nichts existiert aus sich selbst heraus in unabhängiger Weise oder mit einer eigenen innewohnenden Identität. Egal, welche Identität wir den Dingen geben, sie ist immer von der Wechselwirkung zwischen unserer Wahrnehmung und der Wirklichkeit selbst abhängig. Das bedeutet aber nicht, daß sie nicht existieren - Buddhismus ist nicht nihilistisch. Die Phänomene existieren, aber sie besitzen keine unabhängige, eigenständige Identität.

Die Lehre vom anatman (Nicht-Selbst)

Was ist die menschliche Person? Was ist das Selbst? Der Buddhismus behauptet Nicht-Selbst; nicht wahr, das Selbst ist doch nicht existent? Aber was heißt das? Würde der Buddhismus behaupten, es gäbe keine Personen, und die Selbste existierten nicht, so gäbe es niemanden, der Nicht-Selbst meditieren könnte, und es gäbe auch niemanden, dem gegenüber man heilende Hinwendung kultivieren könnte. So zeigt unsere eigene Erfahrung, daß es Personen und Selbste gibt.

Wird also die Existenz des Selbst durch Erfahrung bestätigt, was bedeutet dann die Theorie des Nicht-Selbst? Ist das nicht ein eklatanter Widerspruch? Nein. Ich möchte das erläutern. Analysieren Sie, ob es einen Unterschied gibt zwischen der Art und Weise, in der das Ich erscheint, wenn Sie entspannt sind, und der Art und Weise, in der es erscheint, wenn Sie sehr erregt sind. Wenn jemand Sie zum Beispiel fälschlicherweise anklagt: »Du hast diese schreckliche Sache getan!«, und Sie fühlen: »Nein, ich habe das nicht getan« - wie erscheint Ihnen das Ich in jenem Moment? Das gleiche gilt, wenn Sie an einen Gegner denken und empfinden: »Das ist mein Gegner.« Dieser Gegner erscheint Ihrem Bewußtsein, als ob er durch sich selbst existierte, als sich selbst setzende Wirklichkeit, als etwas, auf das man konkret mit dem Finger zeigen kann.

So scheinen die Erscheinungen durch sich selbst zu existieren. In Wirklichkeit ist es aber nicht so. Ihr Durch-sich-selbst-Sein, ihre inhärente Selbssetzung nennt man Selbst, die Nichtexistenz desselben ist Nicht-Selbst. Und diese Nichtexistenz des Selbst trifft auf Personen (die andere Bedeutung von »Selbst«) und andere Erscheinungen in gleicher Weise zu.

Die Person oder das Ich kann dem Bewußtsein sehr verschieden erscheinen. Einerseits erscheint das Ich, als wäre es permanent, einheitlich und aus eigener Kraft bestehend. In dieser Erscheinungsweise scheint das Ich eine von Bewußtsein und Körper getrennte Wirklichkeit zu sein, wobei die Person als Benutzender oder Genießender und Bewußtsein und Körper als das, was benutzt wird, erscheinen. Keine buddhistische philosophische Schule nimmt an, daß eine solche Person existiert. Es gibt Zweifel in bezug auf einige Untergruppen der Schule des Großen Kommentars (Vaib¥sika), die auszuräumen wären, aber ansonsten gibt es keine.

Unser grundlegender und ursprünglicher Irrtum in bezug auf das Ich ist ein Bewußtseinsprozeß, in dem das Ich als konkret existierend ... erscheint. Diese Form des Irrtums betrifft alle Menschen, ob sie nun studiert haben und durch ein philosophisches System beeinflußt sind oder nicht.

All diese Erscheinungen existieren in Wirklichkeit nicht. ... Was aber ist dann das konventionell und relativ existierende Ich, dem Hilfe und Schaden widerfährt? ... In dem sehr tiefgründigen philosophischen System des Buddhismus, der Konsequenz-Schule des Mittleren Weges (Pr¥sangika-M¥dhyamika), wird die Person nur in Abhängigkeit von den Aggregaten des Bewußtseins und des Körpers bezeichnet. Und da das Bewußtsein subtiler und kontinuierlicher ist als der Körper, wird das Ich oder die Person als bloße, vom Bewußtseinskontinuum abhängige Bezeichnung aufgefaßt.

Nur dieses bloße Ich – ein in Anhängigkeit bezeichnetes Ich – kann als das bestimmt werden, was ohne Nachforschen und ohne jede Analyse einer inneren Bewußtheit erscheint, wenn wir denken: ”Ich gehe”, ”Ich bleibe” usw. Weil es in Abhängigkeit bezeichnet ist, ist es abhängig. ...Weil das Ich in Abhängigkeit bezeichnet wird, kann es kein unabhängiges aus sich selber existierendes Ich geben. Diese Nichtexistenz eines unabhängigen aus sich selbst existierenden Ich nennen wir Nicht-Selbst des Ich. Deswegen, auf Grund der abhängigen Natur einer existierenden Basis, eben des Ich, kann man von seinem Nicht-Selbst sprechen.

Die Lehre von der Leere

Wenn im Buddhismus von Leerheit gesprochen wird, ist damit immer die Abwesenheit oder das Fehlen von Etwas gemeint. Es ist eine Art von Verneinung. Die Auffassung von der Nicht-Existenz des Selbst ist ebenfalls eine Art von Verneinung. Was ist der Grund für dieses hartnäckige Bestehen auf einer kategorischen Verneinung? Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Erfahrungen, die wir machen.

Nehmen wir an, ich hätte eine bestimmte Angst, die sich auf den Verdacht gründet, daß es ganz in der Nähe etwas Bedrohliches gibt. Vielleicht kommt mir der Gedanke, daß ich mich irre und daß es sich lediglich um eine Projektion meinerseits handelt. Das kann meine Angst verringern, aber sie wird dadurch nicht vollständig beseitigt. Wenn ich hingegen voll und ganz überzeugt bin, daß es sich um reine Illusion handelt, daß es da absolut und rein gar nichts gibt und ich mir alles wirklich nur einbilde, und wenn diese Verneinung eine kategorische ist, dann wird die sofortige Wirkung sein, daß meine Angst sich auflöst. Wenn das der Fall ist, müssen wir uns fragen: Was wird eigentlich verneint? Was ist wovon leer?

Nach den Schriften ist Leerheit die Abwesenheit des Objekts der Verneinung, in unserem Fall die Abwesenheit des Objekts unserer Angst. Dies ist jedoch noch keine vollständige Erklärung. Wir müssen der Sache weiter nachgehen und versuchen zu verstehen, was das Objekt der Verneinung tatsächlich ist. Der Schlüssel dazu liegt darin, wie wir die Bedeutung von Atman (Selbst) im Zusammenhang mit Anatman (Nicht-Selbst) verstehen. Je nachdem, wie man die Lehre Buddhas von Anatman philosophisch interpretiert, wird es in der Art, wie man das erkennt, was hier verneint wird, Unterschiede geben.

Trotz solcher Unterschiede betonen alle vier philosophischen Schulen des Buddhismus gleichermaßen, wie wichtig es ist sicherzustellen, daß unsere Verneinung die Wirklichkeit der konventionellen Weit unserer erlebten Erfahrungen nicht ebenfalls verneint, während wir versuchen, dem Greifen nach dem innewohnenden Selbst entgegenzutreten. Allen ist das Verständnis gemein, daß Kausalität und die Funktionsweise des Karmas im Zuge der Verneinung nicht mitverneint werden dürfen. Es scheint, als wäre die Herangehensweise der Madhyamika-Prasangika-Schule die erfolgreichste, weil sie eine gründliche und vollständige Verneinung des Selbst zuläßt und gleichzeitig sicherstellt, daß die Welt des abhängigen Entstehens und des Karmas nicht zerstört, sondern im Gegenteil bekräftigt wird.

In dem Text »Grundlegende Abhandlung über den Mittleren Weg« (Madhyamakamulakarika) des Meisters Nagarjuna gibt es eine sehr wichtige Stelle, wo es heißt: »Das, was in Abhängigkeit entstanden ist, nenne ich leer. Das wiederum wird in Abhängigkeit benannt.« Damit ist folgendes gemeint: Was auch immer in abhängiger Weise entsteht, ist leer in einem letztlichen Sinn; und das, was wir - wiederum in Abhängigkeit - benennen, sind nichts anderes als leere Phänomene. Die Tatsache, daß Dinge und Ereignisse in abhängiger Weise benannt werden, impliziert, daß sie nicht nicht-existent sind. Sie sind nicht einfach rein nichts. Wenn also ein Verständnis des abhängigen Entstehens mit einem Verständnis der Leerheit kombiniert wird, ermöglicht dies einer Person, den Mittleren Weg zu beschreiten, der so genannt wird, weil er von den Extremen des Eternalismus /Absolutismus wie auch des Nihilismus frei ist.

Eine e-mail vom 26. April 2001, aus dem Büro des Dalai Lama in Dharamsala, Indien:

Dear Peter Vollbrecht:

This is to acknowledge receipt of your letter dated April 20th addressed to His Holiness the Dalai Lama.

I have been directed to thank you for your letter that was brought to His Holiness’ notice. We were interested to hear about this new phenomenon of philosophical cafes and their growing popularity. We would like to take this opportunity to thank you for choosing to highlight His Holiness and His thinking.

Best wishes.

Yours sincerely,

Tenzin Taklha
Deputy Secretary

 

    IV. Kleines Glossar

Atman, an-atman: Das Selbst, das Nicht-Selbst

Avalokiteshvara: berühmter Boddhisattva, als dessen Inkarnation die Dalai Lamas gelten.

Bodhichitta: liebende Hinwendung. Das ethische Fundament der Erleuchtung.

Bodhisattva: jemand, der den Entschluß gefaßt hat, alle Wesen zur Erleuchtung zu führen, und der dem Pfad des Mahâyâna folgt

Buddha Shakyamuni: der historische Buddha

Buddhistische Schulen:

Dharma: wörtl.: „das Zugrundeliegende“, bez. im Hinduismus das Weltgesetz, im Buddhismus dagegen auch die Lehre des Buddha selbst.

Hinayana-Buddhismus: das “kleine Fahrzeug”, verbreitet auf Sri Lanka, Thailand, Burma und Laos

Karma : wört. „Tat“, „Tathandlung“. Es sind nach buddhist./hinduist. Überzeugung, die Taten, den das Leben des Menschen überdauern. Das Karma ist fest ins  Samsara eingespannt

Mahayana-Buddhismus : das „grosse Fahrzeug“, entwickelte sich aus der zweiten Drehung des Rades der Lehre, des  dharma. Der M. hat das  Boddhisattva Ideal herausgebildet

Samsâra: das Rad der Wiedergeburten

Sangha: die buddhistische Gemeinschaft

Sunyata: die Leere. Die Lehre von der Leere ist ein zentraler Bestandteil des Mahayana- und Vajrayana-Buddhismus

Theravada-Buddhismus: ist die heute einzig erhaltene Schule des  Hinayana-Buddhismus, deshalb weitgehend mit H. indentisch

Schule des Mittleren Weges: oder auch Mâdhyamika, vermeidet in der sunyata-Lehre und der an-atman-Lehre die Extreme wie Nihilismus und Eternalismus

Vajrayâna-Buddhismus: wörtl. “Diamant-Fahrzeug”, Bezeichnung des tibetischen Buddhismus, wird auch als Tantrayâna bezeichnet.