Home
Was ist das Forum?
Letzte Neuigkeiten
Philosophische Cafés
Philosophische Reisen
Rent-a-philosopher
Musikhochschule Ffm
Essays&Artikel
Auszeichnungen
Pressestimmen
Links
HansGünterClaus

Globalisierung

 

 

I. Aus westlicher Sicht

Karl Marx (1818-1883):
Die Gewalt der Bourgeoisie –
eine frühe Skizze der Globalisierung!   9

Noam Chomsky (2001):
Über Globalisierung     10

Rüdiger Safranski (2003):
Die Globalisierung und das Individuum  10

Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson (2003):
Auf dem Weg in ein globales Zeitalter?  11

II. Aus afrikanischer u. islamischer Sicht

Ayodele Aderinwale (2005):
Globalisierung in Afrika    12

Ramzy Baroud (2005):
Araber und Globalisierung    12

Hassan Hanafi (2005):
Gegen Globalisierung     13

François Zabbal (2001):
Islamische Anti-Globalisierungs-Ideologien  14

I.  Aus westlicher Sicht

Karl Marx (1818-1883):
Die Gewalt der Bourgeoisie – eine frühe Skizze der Globalisierung!

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose »bare Zahlung«. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt. […] Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.

Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegendsten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.

Noam Chomsky (2001):
Über Globalisierung

Es gibt keinen Grund, gegen die Globalisierung an sich anzukämpfen: Wenn diese den Interessen der Menschen entsprechend strukturiert wäre, müsste man sie als Fortschritt begrüssen. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die internationale Integration der Wirtschaft stetig vorangeschritten. Sie erreicht heute grob gesagt wieder einen Stand, der mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist. Doch wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass die Strukturen heute viel komplexer sind. In der Nachkriegszeit lassen sich zwei deutlich verschiedene Phasen unterscheiden. Die erste, die ich Bretton-Woods-Phase nenne, dauerte bis anfangs der 70er Jahre. Seither sind wir in der zweiten Phase, in der das Bretton-Woods-System der festen Wechselkurse und Kapitalverkehrskontrollen zerstört wurde. Diese zweite Phase wird in der Regel als Globalisierung bezeichnet und mit der sogenannten neoliberalen Politik in Verbindung gebracht.

In Wirklichkeit ist diese Politik weder neu noch liberal. Sie verlangt Strukturanpassungsprogramme nach den Prinzipien des "Konsenses von Washington" (den die US-Regierung, der Pentagon und die internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen teilen) von den armen Ländern und leicht abgeänderte Versionen davon von den weiter entwickelten Ländern. Diese zwei Phasen sind sehr unterschiedlich. Die erste, die Bretton-Woods-Phase, wird von vielen Ökonomen als goldenes Zeitalter des industriellen Staatskapitalismus bezeichnet. Die zweite Phase hingegen, für die man den Begriff Globalisierung verwendet, wird oft als bleiernes Zeitalter bezeichnet, in dem sich makroökonomische Standard-Indikatoren wie das Wirtschaftswachstum, die Produktivitätsentwicklung usw. markant verschlechtert haben. Es gibt eine weit verbreitete Behauptung, die Globalisierung, also die zweite Phase, habe einen bedeutenden Anstieg des Wohlstands gebracht, auch wenn dabei einige Menschen vergessen worden seien und nicht von ihren beträchtlichen Vorteilen profitiert hätten, was nun noch zu korrigieren wäre. Diese Sicht der Dinge ist nur teilweise richtig, und höchstens in Bezug auf die erste Phase. In der zweiten Phase gibt es keine Zweifel daran, dass die Ungleichheiten rasch angewachsen sind. Doch im Grunde genommen sind alle diese Behauptungen völlig unzutreffend. Die Entwicklung bietet in allen Regionen der Welt ein düsteres Bild; vielleicht mit Ausnahme einiger asiatischer Länder, die zumindest eine gewisse Zeit lang in der Lage waren, die Spielregeln zu brechen.

Schauen wir uns einmal das reichste Land der Welt an, die Vereinigten Staaten von Amerika. Man will uns weismachen, hier hätte sich eine märchenhafte Wirtschaftswelt entwickelt. Dies stimmt aber nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung, zu dem zufälligerweise auch jene gehören, die uns unaufhörlich diese frohe Botschaft verkünden. Für die meisten Lohnabhängigen, jene, die keine leitenden Funktionen ausüben, also für etwa 80 Prozent der Beschäftigten in den USA, sind die Löhne seit den 70er Jahren gesunken. In den letzten Jahren sind die Löhne insgesamt etwa auf den Stand von 1989 zurückgekehrt, auf den Stand vor dem letzten Konjunkturzyklus. Aber sie sind immer noch deutlich unter dem Niveau von vor 20 Jahren. […] Diese Familien müssen heute etwa sechs Wochen pro Jahr mehr arbeiten als vor zehn Jahren, um ungefähr gleich viel zu verdienen. Die USA verzeichnen heute weltweit die höchste Arbeitsbelastung und haben diesbezüglich Japan vor einigen Jahren überholt. Dieses Wachstum wurde von einem Boom des Privatkonsums getragen, der seinerseits nicht unwesentlich einer massiven Propaganda-Kampagne zu verdanken war, deren Auswirkungen jetzt sichtbar werden: Die Verschuldung der privaten Haushalte wurde in die Höhe getrieben. Sie befindet sich heute auf einem nie dagewesenen Stand und übertrifft erstmals das gesamte verfügbare Volkseinkommen.

Rüdiger Safranski (2003):
Die Globalisierung und das Individuum

Wie auch immer: der Globalismus macht die Räume eng und dort, wo er wirklich sensibel, moralisch und verantwortungsvoll ist, türmt er Problemgebirge auf, an denen man verzweifeln kann.

Der Globalismus ist ein Symptom der Überforderung. Die Globalisierung hält offenbar kein Mensch aus, darum die Einmauerung in Ideologien (Neoliberalismus, Multikulturalismus usw.) und die Flucht in Untergangs- und Rettungsphantasien. Natürlich gibt es auch einen nüchternen, politisch verzierten, vom Gerechtigkeitsgefühl geleiteten praktischen Umgang mit den Problemen der Globalisierung. Die Globalisierungskritiker von »Attac« zum Beispiel schwelgen nicht in Weituntergangsszenarien, sondern lassen Analysen zirkulieren, decken Widersprüche und Skandale auf, und regen zu pragmatischen Widerstandsaktionen an. Auch in den Machtapparaten der offiziellen Politik gibt es Symptome des Umdenkens. Gleichwohl oder gerade deshalb gilt. das Globale ist zur Arena der Ökonomie, der Medien, der Politik, der Strategien und Gegenstrategien geworden. Es ist nicht mehr jenes Ganze der Theologie, der Metaphysik, des Universalismus und des Kosmopolitismus; es ist ein Ganzes, das zum Gegenstand ökonomischer, technischer, politischer Bearbeitung geworden ist. Daher das eigenartige Gefühl der Schrumpfung im globalen Maßstab. Alles kommt einem irgendwie vertraut vor, auch die schlechten Nachrichten. Aus allen Weltgegenden tönen die globalen Imperative. Mit jeder Information wird das Gefühl der Ohmacht gleich mitgeliefert. Globalität erscheint als Systemzusammenhang, so gewaltig und letztlich subjektlos funktionierend, daß es fast schon obszön wirkt, an die Bedeutung des Individuums zu erinnern.

Doch das muß man, man muß einmal die Bühne drehen und sich klar machen, daß nicht nur der Kopf in der Welt sondern auch die Welt in unserem Kopf ist. Gewiß, das Individuum ist nichts ohne das Ganze, zu dem es gehört. Aber es gilt auch das Umgekehrte: dieses Ganze gäbe es gar nicht, wenn es sich nicht in unseren Köpfen, in jedermanns Kopf, spiegelte. Jedes Individuum ist die Bühne, wo die Welt ihren Auftritt hat, wo sie zur Erscheinung kommen kann. Die Welt wird bedeutungsreich oder öde sein, je nachdem ob das Individuum heil oder stumpf ist. Globalisierung gestalten, bleibt deshalb eine Aufgabe, die sich nur bewältigen läßt, wenn darüber nicht die andere große Aufgabe versäumt wird: das Individuum, sich selbst, zu gestalten. Denn auch das Individuum ist ein Ganzes, wo sich Himmel und Erde berühren.

Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson: Auf dem Weg in ein globales Zeitalter?

Die weitverbreitete Empfindung, im «Zeitalter der Globalisierung» zu leben, ist wohlbegründet. Handelt es sich aber um eine neue Epoche, die sich vor allen früheren Perioden der Geschichte gerade durch ihre quantitativ wie qualitativ neuartige Globalität auszeichnet? Wenn es einen Einschnitt gibt, von dem an Globalisierung zumindest ein zentrales Thema von Geschichte und Erfahrung wird, dann ist dies das frühneuzeitliche Zeitalter von Entdeckungen, Sklavenhandel und «ökologischem Imperialismus», nicht das späte 20.Jahrhundert. Ein weiterer Schub läßt sich in Folge der Industrialisierung von Verkehr und Kommunikation ab der Mitte des 19.Jahrhunderts ausmachen. Globalisierungstendenzen waren für den größten Teil der Menschheit bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts daseinsprägend und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Bestandteil des Erfahrungsraums breiter Schichten. […] Der Globalisierungsschub der 1980er und 1990er Jahre traf auf eine Welt, für die Globalität bereits seit langem nichts Besonderes mehr war.

Überstaatliche Netzwerke und durchlässige Grenzen waren der historische Normalfall, der stillschweigend als Ausgangspunkt der meisten Globalisierungsdiagnosen genommene europäische Nationalstaat des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war hingegen eine spät entstandene Ausnahme. Aus eigenem Willen völlig von der Außenwelt abgeschottete Wirtschaftsräume hat es selten gegeben. Vorläufer des Typus der modischen und erfolgreichen «Netzwerk-Firma» mit internalisierten Märkten finden sich bereits unter den Kaufmannsimperien (trading empires) der Frühen Neuzeit. Unser Argument ist nicht, daß heutige Zustände mit denjenigen des 17. oder 18. Jahrhunderts direkt vergleichbar seien, sondern daß die angeblich als charakteristisch für ein gegenwärtiges Zeitalter der Globalität zu verstehenden Muster schon in früheren Zeiten verfügbar waren. […]

(1) Die Erde ist ein einziger umgrenzter Handlungsraum, dessen Endlichkeit die Menschheit einengt. Aber dieser Handlungsraum ist noch nicht von globalen sozialen Strukturen ausgefüllt, sondern weiterhin von vielfältigen, sich überlappenden Interaktionsnetzen, deren Funktionieren durch ihre Unterordnung unter eine allumfassende «Globalisierung» eher verschleiert denn erhellt wird. Der Nordwestatlantik plus Japan ist - wie auch schon ein Jahrhundert zuvor - eine Zone besonders hoch verdichteter Interaktion, der Pazifik, gehemmt durch die große asiatische Wirtschaftskrise seit 1997, auf dem Wege, eine solche Zone zu werden. Globalisierte Enklaven gibt es auch außerhalb des Westens: Im südchinesischen Perlflußdelta ist eine Exportökonomie entstanden, deren Firmen untereinander und mit der chinesischen Volkswirtschaft viel weniger dicht verflochten sind als mit den zahlreichen transnationalen Konzernen, die dort produzieren lassen. Anderswo dagegen ist man zwar auch von weltweiten Netzen abhängig, aber oftmals nicht in der Lage, zum eigenen Vorteil daran teilzunehmen. Dies gilt gerade für Afrika, das in einer auf legale Austauschbeziehungen konzentrierten Perspektive als ein weißer Fleck auf der Landkarte der Globalisierung erscheint - auch das Ergebnis durch internationalen Waffenhandel, Ressourcentransfer und Entwicklungshilfe am Leben gehaltener dysfunktionaler Strukturen.

(2) Bringt Globalisierung das Ende des Nationalstaats mit sich? Nirgendwo im Westen ist es gelungen, den vom Staat verwalteten und verteilten Anteil des Volkseinkommens drastisch abzusenken. Die am intensivsten an globalen Interaktionen teilnehmenden Länder sind zugleich solche mit der höchsten Staatsquote. Zoll- und Handels-«Kriege» gehören keineswegs der Vergangenheit an. Grenzüberschreitende Migration wird überall staatlich kontrolliert und eingeschränkt. Auch kann ein Abbau interventionsstaatlicher Regulierungen nicht pauschal mit dem «Ende des Nationalstaats» gleichgesetzt werden. Für Margaret Thatcher sollte umgekehrt der Rückzug der Regierung aus der Wirtschaft Großbritannien als Nationalstaat wieder ein größeres Gewicht geben.

(3) «Globalisierung» ist Teil der Geschichte vom «Aufstieg des Westens». Netzwerke sind seit Beginn dieser Geschichte keine friedlichen, freiwillig eingegangenen Interdependenzen gewesen. Dennoch kann Globalisierung nicht einfach mit (Zwangs-) Verwestlichung oder Amerikanisierung gleichgesetzt werden. Immer wieder hat sich das Phänomen der kreativen Aneignung bemerkbar gemacht- «Fremde» Lösungen werden nicht selten nach rationaler Überlegung deshalb gewählt (und in der Übertragung modifiziert), weil sie vorformulierte Antworten auf Fragen und Probleme darstellen, die sich anderswo bereits früher gestellt haben.

(4) Raum läßt sich heute schneller und zu geringeren Kosten überwinden als je zuvor. Grenzen lassen sich einfacher überschreiten, und -«Abwanderung» von einem Territorium ins andere fällt leichter. Dennoch: Wo man ist, ist nicht bedeutungslos. Lokalität bleibt Schicksal. Welten trennen die freiwillig von den zwangsweise Mobilen. Die Behauptung, der geographische Raum sei durch den «Raum der Ströme» ersetzt worden, kann an Zynismus grenzen. Richtig ist aber: Räume entstehen eher durch Vernetzung als umgekehrt. Natürliche Barrieren - Meere, Berge, Wüsten - haben schon in frühen Epochen bei einfacher Verkehrstechnik dem Willen zu Expansion und Fernkontakt selten unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt.

II. Aus islamischer und afrikanischer Sicht

Ayodele Aderinwale (2005):
Globalisierung in Afrika

Die herrschende Meinung in Afrika sieht die Globalisierung als ausschließlich externes Phänomen. […] Der verschwindend geringen Anzahl von Menschen, die die afrikanische Machtelite bilden, fällt es nicht schwer, mit den verschiedensten Schichten nicht-afrikanischer Gesellschaften in Kontakt zu treten. Sie pendeln zwischen den großen Hauptstädten der Welt, ohne jedoch jemals ihren Dogmatismus und ihre Voreingenommenheit ablegen zu können.

Fortwährend und meist ohne jedes Unterscheidungsvermögen nehmen sie die westliche Perspektive der Welt auf. Dazu nutzen sie die global umspannenden Kabelkanäle genauso wie weit reichende persönliche Kontakte. Folgerichtig wird Afrika beherrscht von einer Führungsschicht, deren Anschauungen sich bestenfalls durch eine krude Mischung angenommener Ideen und verworrener Denkprozesse auszeichnen. […]

Kulinarische Vorlieben haben sich gewandelt. Viele Kinder sind kaum noch fähig, sich in ihrer heimischen Sprache zu verständigen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wenn schon in den nächsten Jahrzehnten vielleicht all unsere afrikanischen Sprachen, von denen es zur Zeit noch rund 1000 gibt, aussterben werden – mit all den dazugehörigen Folgen für die Überlebensfähigkeit unserer Kulturen.

So wirft der kulturelle Aspekt der Globalisierung für Afrika besondere Probleme auf. Traditionelle afrikanische Kulturen betonen Werte wie Gemeinschafts- und Familiensinn, Respekt vor dem Leben und Gastfreundschaft. Diese Werte aber geraten zusehends in Konflikt mit westlichen Normen, wie sie uns durch die kulturelle Globalisierung in Form von Unterhaltung, Nahrungsmitteln, Medizin und Werbung vorgesetzt werden.

Westliche Formen politischer Kultur gewinnen an Boden gegenüber herkömmlichen Quellen wirtschaftlicher und politischer Machtausübung. Und die alles dominierende Popkultur des Westens dringt unaufhaltsam in die traditionellen afrikanischen Kulturen ein.

Die vielleicht bedeutsamste, aus der Globalisierung erwachsene Entwicklung ist jedoch der Anstoß zur Demokratisierung. Dieser beinhaltet eine stärkere Betonung einer verantwortungsbewussten Regierungsführung und der Beachtung der Menschenrechte.

Dies ist zweifellos ein großer Fortschritt und eine Befreiung vom unerträglichen Missbrauch der Macht, unter dem Afrika seit langem leidet.

In dem Maße, wie politische Freiheiten gestärkt werden und sich eine moderne Zivilgesellschaft auszubilden beginnt, wächst die Hoffnung, dass es der Gesellschaft gelingt, in einer Weise mit den Regierungen zu interagieren, die eine positive Entwicklung fördert und erleichtert. […] Ich denke, dass die größte Herausforderung, der sich Afrika heute gegenübersieht, darin liegt, eine neue Identität zu entwickeln.

Ramzy Baroud (2005):
Araber und Globalisierung

Mit ihrer unqualifizierten und viel zu verallgemeinernden Verachtung für den "hegemonialen Imperialismus des Westens" und die "Arglist des internationalen Zionismus" haben sich die Araber zunehmend ins Abseits manövriert und ihre Gesellschaften in eine ganze Reihe von sozialen und kulturellen Krisen gestürzt, welche die individuelle wie kollektive Freiheit ihrer Bürger immer mehr ausgehöhlt haben. […]

McDonald’s und Burger King-Filialen in den arabischen Ländern — und damit das Aus für die entsprechenden arabischen Fast Food-Alternativen (viel gesünder als erstere im übrigen) — spielen unzensierte Hip-Hop-Musik voll von Vulgarität, verächtlichen Texten über Frauen und dergleichen.

Ich habe arabische Kinder gesehen, die in einem von Burger King aufgestellten Zelt das Ende des Ramadan zu Hip-Hop-Rhythmen feierten, in deren Texten detailliert von Oralsex die Rede war.

So abstoßend dies allein schon klingen mag, so geht der Skandal noch viel weiter: Das ungefilterte Angebot des globalen Marktes führt bei der jungen Generation in den arabischen Ländern zu einer schweren Identitätskrise, die die westliche Zivilisation so naiv wie begeistert auf Britney Spears reduziert, auf schlecht zubereitete Cheeseburger und Online-Pornographie.

Erik Erikson, bekannt als "Vater der psychosozialen Dynamik" schuf die Theorie von den "acht Stufen der Entwicklung" eines jeden Menschen. Laut Erikson führt das Auslassen einer einzigen der von ihm als notwendig postulierten Entwicklungsstadien unweigerlich zu einer Identitätskrise.

Ich komme nicht umhin, der arabischen Welt genau dieses Problem zu attestieren. Hinzu kommt, dass die gegenwärtige Mode, schicke, aber unproduktive Konferenzen abzuhalten, mit ihren tollen Büffets und großzügigen Honoraren, eine genauso falsche Antwort darstellt wie blinde Schuldzuweisungen.

Es ist nicht klar, in welchem Entwicklungsstadium sich die arabischen Nationen momentan befinden. Doch wenn diese Identitäts-Zwickmühle nicht bald bewältigt wird, werden Verzweiflung, Entfremdung und Extremismus — alles Dinge, die wir schon jetzt beobachten müssen — zur verdammenswerten Norm und nicht zur Ausnahme.

Hassan Hanafi (2005):
Gegen Globalisierung

Die Globalisierung ist eine der Formen westlicher Hegemonie. Mit dem Beginn der Moderne hat der Westen die ganze Welt herausgefordert, angefangen mit dem Fall von Granada und der Entdeckung der westlichen Erdhalbkugel, also Amerikas, und den so genannten geographischen Entdeckungen, ganz so, als hätte die Welt gar nicht existiert, bevor der weiße Mann kam. Später überquerten die Flotten von Genua aus die Meere und es kam zu einem zunehmenden Handel im siebzehnten Jahrhundert.

Dann kam die Kolonisierung Algeriens im neunzehnten Jahrhundert, das Ende des Mogulreiches durch die Briten in Indien und die Ausbreitung Europas in der gesamten Alten Welt. Innerhalb von nur zwei Jahrhunderten hat Europa sich die ganze Welt untertan gemacht, nachdem die Kreuzzüge im elften und zwölften Jahrhundert gescheitert waren. Die Globalisierung ist also eine der bekannten Formen des westlichen Hegemoniebestrebens, nicht nur durch das Militär und die Ökonomie, sondern durch den Markt. Nach dem Ende der Polarisierung im Jahr 1991 und dem Ende der sozialistischen Regime schien der Kapitalismus als Sieger dazustehen, und es kam im folgenden zu einer Legitimierung des weltweiten kapitalistischen Systems, das auf der Einheit des Marktes, den Regeln des Marktes, dem Gewinn und der Konkurrenz usw. basiert, sodass die G7-Staaten zum Zentrum der Welt geworden sind und die ganze Welt von Afrika über Asien bis Lateinamerika in Märkte verwandelten.

Globalisierung bedeutet also nicht nur die Verwestlichung der Welt, im Sinne, dass der Westen sich vom Zentrum zur Peripherie ausbreitet, und nicht nur die Amerikanisierung der Welt, denn Amerika führt die Welt an, da es der einzige noch existierende Pol ist, sondern es bedeutet, und das ist noch gefährlicher, die Herrschaft einer Richtung, einer Meinung, einer Idee, eines Gesetzes. Jeder Staat, der es wagt, sich dem zu widersetzen, wie Afghanistan, der Irak, Syrien, der Libanon, Ägypten, der Sudan, Saudi-Arabien, der Jemen, muss mit einer militärischen Aggression rechnen, entweder legitimiert durch die Vereinten Nationen oder ohne sie.

François Zabbal (2001):
Islamische Anti-Globalisierungs-Ideologien

Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem zweiten Golfkrieg scheinen sich die Denker der islamischen Welt fast durchweg verpflichtet zu fühlen, einander in Schmähungen gegen die Globalisierung zu überbieten – ohne dass sie dabei aber mit alternativen Ideen aufwarten.

In einem langen, auf Arabisch verfassten Essay zum Thema "Der Einfluss der Globalisierung auf die arabische Kultur", der im Oktober 2000 in "Al-Bahrain al-thaqafia" erschienen ist, liefert uns Georges Tarabichi eine erbauliche Blütenlese von Stellungnahmen der bedeutendsten Exponenten der arabischen Intelligenz.

Tarabichi plädiert zunächst für eine offene Diskussion ohne absolute Verdammungen und ohne vereinfachende Vorverurteilung, welche die Verteidiger der Globalisierung zu "Liberalen" oder ihre Gegner zu "Konservativen" stempeln würde; er unterstreicht die unerhörte Komplexität des Phänomens und die Notwendigkeit, es nicht mit einem durch manichäische Visionen getrübten Blick anzugehen.

Nach seiner Auffassung haben sich die arabischen Intellektuellen auf den Begriff der Globalisierung gestürzt, bevor sie überhaupt die Ausbreitung des Phänomens in ihren Gesellschaften hatten beobachten können; denn tatsächlich hat dort weder eine Öffnung der Märkte noch eine Delokalisierung oder die Ansiedelung multinationaler Konzerne stattgefunden.

Kurz und gut, die Globalisierung ist laut Tarabichi vorab das Hirngespinst einer Intelligenz, der es gerade an anderen Feindbildern mangelte, mittels deren sie ihre Stellung als Wächter der wahren Werte hätte rechtfertigen können.

Man wird diese Einschätzung mit berechtigter Skepsis aufnehmen, muss dem Autor aber zumindest darin Recht geben, dass der heutige Diskurs über die Globalisierung lediglich eine Neuauflage früherer arabischer Positionsbezüge gegen die kulturelle und imperialistische Dominanz des Okzidents ist.

Mutâ al-Safadi, ein syrischer Intellektueller und Nasserianer der ersten Stunde, holt entsprechend aus: "Globalisierung" ist ein freundliches Wort, mit dem zum Generalangriff gegen alle Länder der Welt geblasen wird, um sie dem Willen des Grosskapitals zu unterwerfen – einer Macht, die sich vom Industriekapitalismus in einen Finanzkapitalismus gewandelt hat und die in kolossalen Vermögenswerten besteht [. . .], welche in wenigen Augenblicken ganze nationale Wirtschaftssysteme zerstören können" ("Al-Wafâq al-'arabî", Tunis, August 1999). […]

Auch für den in Syrien lebenden palästinensischen Essayisten Faisal Darraj ist Globalisierung mit Amerikanisierung gleichzusetzen, mit anderen Worten: "eine Vereinheitlichung, die darauf abzielt, weltweit einer einzigen kulturellen Norm Geltung zu verschaffen, nämlich derjenigen Amerikas, unter Ausschluss sämtlicher anderer Werte".

Folgen die Paradebeispiele Hamburger, Jeans, Marlboro und Pepsi-Cola als Instrumente einer Uniformierung, die "den Pluralismus der Kulturen zerstört" ("Die Kultur im Zeitalter der Globalisierung", in "Dafater thaqafiya", Ramallah, 25. Mai 2000).

Solche schon ziemlich angejahrten Argumente könnte man mit einem Lächeln quittieren – wäre da nicht gleichzeitig dieses verlogene Schweigen über die systematische Zerstörung der kulturellen und politischen Pluralität durch die nationalistischen arabischen Regimes.

"Kampf der Globalisierung" ist das neue Schlagwort, unter dem sich die arabischen Intellektuellen – nach einer Ruheperiode, die ihre dominante Stellung allmählich zu untergraben drohte – erneut zu Verteidigern der nationalen und kulturellen Identität aufschwingen können.

Zudem sind an dieser Front in den letzten zwei Dekaden noch grimmigere, kampflustigere Bannerträger aufgezogen – die Islamisten. Und damit hat sich in diesem Zeitraum auch die Definition der Identität gewandelt: Statt des in den sechziger Jahren portierten Arabismus steht nun, angesichts der schleichenden Verwestlichung und der drohenden Modernisierung durch die säkularisierte arabische Elite, die Bewahrung des islamischen Glaubens auf dem Programm.

Die ägyptische Erkenntnistheoretikerin Yumna Tarif al-Kholi behauptet, dass die Globalisierung vorab ein linguistisches Komplott sei: "eine gewalttätige Attacke der westlichen Zivilisation, die darauf abzielt, die arabische Sprache zu zerstören. Denn wir sind die einzige Nation [die Autorin gebraucht hier den Begriff umma, welcher die islamische Glaubensgemeinschaft meint] der Welt, welche in der Sprache ihrer heiligen Schrift redet."

In hundert Jahren, so überlegt sie weiter, werde die arabische Nation verschwunden sein, nachdem sie ihre Sprache verloren habe. Auch Muhammad Abed al-Jabiri, Galionsfigur der Intellektuellen in den Golfstaaten, sieht in der Globalisierung einen Frontalangriff auf die drei Säulen des arabischen Wesens: den Staat, die Nation (umma) und das Vaterland (in " Ash-Sharq al-awsat", London, 7. 2. 1997).

Dass sich dank der Globalisierung auch das eine oder andere repressive Regime zur Einhaltung international gültiger moralischer und rechtlicher Normen gezwungen sieht, dass sie die Zensursysteme erschüttert, welche etwa in China von den selbsternannten Hütern des Volksgeistes errichtet wurden: Das schert die arabische Intelligenz wenig, ob sie sich nun zum Nationalismus oder zum Islamismus bekennt.

Wichtig ist ihr der Erhalt einer phantasmagorischen arabischen Einheit, der "Nation", die weder eine innere Spaltung noch Meinungsdifferenzen erträgt und deren soziale Klassen sich zur fest geschmiedeten Front gegen den gemeinsamen Feind, Amerika, zusammenschließen sollen.

Unschwer erkennt man darin die arabische oder islamische Variante der totalitären Ideologien, die im 20. Jahrhundert gewütet haben – und von denen sich die arabische Welt offenbar noch längst nicht befreit hat.