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HansGünterClaus

Zum Konzept einer philosophischen Reise

 

Das Reisen hat seit jeher einen eigentümlich seidigen Glanz. Wer reist, sehnt sich nach größeren Räumen, nach anderer kultureller Temperatur, wer reist, ist sinnhungrig und kann sich am Bestehenden nicht sättigen. Wer reist, hofft darauf, hinter der nächsten Wegkuppe warte etwas auf ihn, Reisen heißt, suchend unterwegs zu sein, und genau das macht das Leben im Kern aus. Reisen ist für sich schon eine hochphilosophische Angelegenheit, weil der Reisende in der Ferne sich selbst begegnet.

Im touristischen Alltag der Reiseindustrie ist davon kaum mehr etwas zu spüren. Im Geflecht von Preis und Leistung, von Animation und Erholung, von Frühbucherrabatt und Verlängerungswoche, von Klischee und Exotismus ist das Reisen auf der Strecke geblieben. Der tiefere Sinn des Reisens ist das Reisen selbst, der Weg ist das Ziel, und die Erfüllung besteht in all den Begegnungen, die sich dabei ereignen. Besonders intensive Formen der Begegnung ermöglicht eine philosophische Reise, die zu Orten führt, die ein besonderes Thema für uns Menschen bergen. Es gibt ihn, den genius loci, und eine philosophische Reise macht ihn hörbar. In Andalusien spricht er von der Toleranz, die Religionen und Kulturen füreinander aufbringen können. In der Toskana erzählt er von der Geburt Europas aus dem Geist der Renaissance. In den Sandsteingassen Süddeutschlands vom Höhenflug des Idealismus der Jahrhundertwende der Goethezeit. Die Natur ist elementar auf den Liparischen Inseln, das philosophische Thema schreibt sich von den Vulkanen her. Hallig Langeness wird umflutet von den Gezeiten und lädt zum Philosophieren über die Zeit ein. Gehen und Denken werden in Südtirol zu einem ganzheitlichen Projekt. Buddhismus und Hinduismus studiert man ‚vor Ort’, im indischen Himalaya oder in den Bergen Sri Lankas, unter Anleitung von Mönchen oder dortigen Universitätslehrern. Wie auch immer, - über den genius loci kommuniziert der philosophisch Reisende mit einer Tradition. Und quer zu dieser Achse liegt die andere, die aus den Gruppenmitgliedern Gesprächsteilnehmer macht. Man begegnet sich untereinander, es treffen Charaktere aufeinander, Lebensbiographien, Wertvorstellungen, Generationen. Bei einer philosophischen Reise ist die Gruppe nicht der Preis, den man zu zahlen hat für eine organisierte Unternehmung, lieber führe man doch allein oder mit engen Freunden. Nein, die zunächst unbekannten Gesichter gehören zum Konzept philosophischer Begegnung mit dazu, denn im Laufe des kommunikativen Prozesses treten Charaktere hervor, es bilden sich Allianzen, und bisweilen entstehen sogar Freundschaften daraus, die sich später dann fortsetzen. Die Gruppe ist der Resonanzboden, auf dem die philosophischen Themen zunächst zu stehen kommen, um dann Eingang nehmen zu können in die einzelne Person.

Es gebe nicht die Philosophie, es gebe nur das Philosophieren, meinte Immanuel Kant einmal. Daraus spricht die richtige Überzeugung, Philosophie sei im Wesentlichen eine Tätigkeit, ein Prozess. Eine philosophische Reise schreitet ihn in mehreren Dimensionen aus. Da ist zunächst die Ideengeschichte selbst, zu der man gehört und zu der man sich in ein Verhältnis setzt, um den eigenen Standort zu erkunden. Da ist die Pluralität der Sichtweisen der Mitreisenden, wodurch der eigene Standpunkt eine Relativierung erfährt, ein kommunikativer Prozess auch dies. Selbst der philosophische Kurs der Reise wird maßgeblich davon beeinflusst: jedes Gruppenmitglied hat das Steuer mit in der Hand, man reist, nicht aber wird man gereist. Ganz erheblich aber hängt der Erfolg einer philosophischen Reise davon ab, wie der Ort und das Thema zueinander passen. Sei es, dass die toskanische Villa mit ihrem prächtigen Seminarplatz einfach nur italiensehnsüchtige Bilder weckt und Wohnträume wahr werden lässt. Oder aber, dass eine Halligwarft die Lust wach kitzelt auf einen exponierten Ort in der Weite des Raumes und im Atmen des Meeres. In Nietzsches Sils Maria ist es die Aura der großen Natur, die eine Faszination auf Philosophen und Künstler ausübt bis heute. Platon liest sich auf der Peloponnes einfach anders als am häuslichen Schreibtisch, und um wie vieles intensiviert sich die Begegnung mit Buddhismus und Hinduismus, wenn man wirklich in die indische Spiritualität eintritt, - in einem Kloster zum Beispiel, während eines Meditationsretreats oder einfach nur beim Einatmen einer dörflichen Szene im Himalaya. Immer erzeugt das Thema ein Echo im geographischen Ort, immer erzählt der Ort ein Stück weit das philosophische Problem. Der Ort bietet eine Passage in die kulturellen Räume einer Vergangenheit oder einer fremden Zivilisation. Er öffnet die Sinne und sensibilisiert den Intellekt für eine neue Interpretation von Welt und Ich.

Eine philosophische Reise führt dorthin zurück, was das Reisen früher einmal war: ein Abenteuer des Geistes.

Mehr dazu:
Alles Existieren ist Unterwegssein. Erfahrungen mit dem Experiment “Philosophische Reisen”