Ein philosophischer Geist ist nirgendwo zu Hause. Daher ist es
nur konsequent, ihn unterwegs zu befragen. Genau das ist das Konzept einer philosophischen Reise.Das Ehepaar aus Krefeld sitzt kopfschüttelnd beim Kaffee. Im Laufschritt sind wir soeben an ihnen vorbei in Inkes Cafe
gestürmt, wo Inke, erklärte Doppelkopfkönigin der Hallig Langeneß, dick geschmierte Mettwurstbrote und selbst gebackenen Kuchen auftischt. Atemlos haben wir um zwei Brote zum
Mitnehmen gebeten, kurz die Krefelder gegrüßt, die im selben Gasthof nächtigen, und uns dann kauend entschuldigt: »Wir haben keine Zeit, gleich beginnt unser Seminar wieder!«
Um welches Seminar es geht, das weiß auf der Hallig wohl
jeder: Die Philosophen sind wieder da! Dabei gibt es unter uns nur einen, der diese Bezeichnung verdient, und das ist Seminarleiter Peter Vollbrecht. Unter seiner Leitung haben
zwölf Urlauber eine philosophische Reise angetreten. »Flutende Zeit« ist das Thema, das uns auf Langeneß drei volle Tage lang beschäftigt. Wir erkunden die Geschichte des Zeitbewusstseins,
Zeittheorien der Physik und der Philosophie und diskutieren über subjektives und objektives Zeitempfinden.
Der Ort ist perfekt gewählt: Schließlich geben auf einer Hallig
die Gezeiten den Takt vor. »Leerung tidenabhängig« steht an den Briefkästen, die Flut spült nicht nur den Postboten zur Hallig. Zweimal täglich kommt und geht sie wieder, genau wie
die Fähre, die sich ihren Weg geruhsam in schmalen Fahrrinnen bahnt, vorbei an Seehunden und Eiderenten, die sich auf Sandbänken sonnen. Eine Hallig ist keine Insel, sondern eine
Aufschlickung, umspült von den Elementen. Kommt die Sturmflut, dann schauen einzig die Häuser auf ihren erhöhten Warften aus dem Wasser. Diese Erdhügel sind zwar künstlich aufgeworfen, doch richtige Deiche gibt es nicht.
Die Grenzen zwischen Land und Wasser verlaufen fließend, und wenn wieder mal »Land unter« ist, dann sitzen auch die Urlauber fest. Eile auf einer Hallig, das ist also nicht nur
unangemessen, sondern irgendwie wider die Natur. Trotzdem endet die Mittagspause für die Seminarteilnehmer um Punkt 14 Uhr, und wer es wie wir vorgezogen hat, die Umgebung per
Rad zu erkunden, anstatt in Ruhe zu essen, jetzt aber den einführenden Vortrag über Henri Bergsons Verständnis von Dauer nicht verpassen möchte, der muss sich gegen den Wind
und in die Pedale stemmen, während die Krefelder bedächtig an ihrem heißen Kaffee nippen: Diese Philosophen! Welch ein Unsinn!
Dabei sind es ganz normale Leute, die sich hier zusammengefunden haben. Da ist zum Beispiel die
Sozialarbeiterin Eva-Maria, die eigentlich in die Wüste hatte fahren wollen. Doch als sie von der Reise über die Zeit las, änderte sie ihre Pläne sofort, verspach das Thema doch
ebenfalls eine komplette Auszeit von allem Alltäglichen. Freude an der gedanklichen Auseinandersetzung und an der Diskussion, diese Worte sind in der Vorstellungsrunde häufig
erwähnt worden. Einzig ein Neurologe aus Lübeck sucht Konkretes: Erarbeitet unter anderem mit Menschen, denen das Zeitverständnis verloren ging, und verspricht sich andere Zugänge zu einem vertrauten Thema.
»Wie können Sie von der Vergangenheit als einem Hirnkonstrukt sprechen?«, wird der Neurologe gefragt. Er ist ein Freund der Gegenwart und hat das - wie wir später erfahren
sollen - möglicherweise mit Augustinus gemein, der, ausgehend vom inneren Zeitempfinden, die Vergangenheit nur als die »Gegenwart von Vergangenem« verstanden wissen wollte. Als
die Münchnerin zur Diskussion stellt, dass Zeit unglaublich gerecht sei, weil jeder die gleiche habe, geht niemand darauf ein. Alle halten die Frage für interessanter, ob unser Leben nun
stärker von der linearen als von der zirkulären Zeit beeinflusst wird.
Währenddessen zieht sich draußen vor dem Fenster des Gasthofs Hilligenlei das Meer zurück - Ebbe und Flut als
klassischer Fall von zirkulärer Zeit. Als wir bei der Revolution des Zeitbewusstseins durch das Judentum angekommen sind, liegt das kleine Boot in der Hafenbucht schräg im Schlick. Sei
es nun die Weltschöpfung, das Bewusstsein oder die Geschichtsphilosophie - beim Reden über die Zeit gerät man schnell vom Hundertsten ins Tausendste. »Wir wollen hier ja immer
fünf Welträtsel lösen in jedem Gespräch«, entfährt es dem Neurologen. Doch Seminarleiter Peter Vollbrecht moderiert die Beiträge der Teilnehmer - höflich, aber bestimmt - immer wieder in zeitgemäße Bahnen.
D e Frage, warum er sich auf philosophische Reisen spezialisiert habe, beantwortet er zunächst mit einer Gegenfrage. Ob man
lieber die poetische oder die nüchterne Antwort haben wolle? »Typisch Philosoph!«, denkt man sich insgeheim. Und erfreut sich
dann zunächst an der poetischen Antwort: »Reisen«,sagt Peter Vollbrecht, »reisen ist genau wie philosophieren: ein Aufbruch in ein unbekanntes Land. Reisen, das ist Hoffnung und Erwartung auf etwas Neues.«
Die nüchterne Antwort kreist um das Wort »Begegnung« – mit anderen Orten und Traditionen und natürlich auch untereinander:
»Gerade in unserer medial vermittelten Welt gibt es dieses Bedürfnis nach dem Gespräch und die Sehnsucht nach einer wirklichen
Begegnung«, sagt der Philosoph. Der Reader, den er zur Vorbereitung verschickt hat, ist 133 DINA4-Seiten stark, und mit der
Anzahl der Begegnungen ist immer häufiger das Geständnis zu hören, diese nicht komplett durchgearbeitet zu haben. Das macht aber nichts, der Reader war nur zur Einstimmung gedacht.
Als wir am frühen Abend gemeinsam zu einer geführten
Wattwanderung aufbrechen, kreischen auf den Salzwiesen noch immer Küstenseeschwalben und Säbelschnäbler um die Wette, weil sie ihren im hohen Gras verborgenen Nachwuchs in
Gefahr sehen. Dann stecken die Füße der Urlauber, die auf Langeneß grundsätzlich Badegäste genannt. werden, endlich im Watt. Von der im Programm erwähnten kontemplativen
Stimmung ist nichts zu spüren: Alle unterhalten sich, belebt vom leichten Nieselregen und der willkommenen Pause. Judith vom World Wildlife Found verteilt Augenbinden, damit wir
erleben können, wie es wäre, wenn wir uns im dichten Nebel nach Gehör orientieren müssten.
126 Menschen leben auf Langeneß, und seit der Sturmflut von
1962 haben all ihre Häuser im ersten Stock ein Zimmer, in das sich Bewohner wie Besucher retten können. Es steht auf Stahlbetonpfeilern, die in den Grund der Hallig gerammt
wurden. »Gebraucht haben wir den Raum noch nicht«, sagt Renate Boysen, die die heimatkundliche Sammlung im Kapitän-Tadsen-Museum betreut, »und das möchte ich ehrlich gesagt auch
nicht erleben müssen.« Zwanzigmal Land unter im Jahr wären völlig ausreichend, da müsse nicht gleich die große Sturmflut kommen.
An normalen Tagen rollen auf der schmalen Straße nur die Leihräder. Auch am letzten Tag auf der Hallig fällt die Fahrt gen Osten
zum Lorenbahnhof leicht, doch auf dem zehn Kilometer langen Rückweg gen Fähranleger bremst wieder der Wind und verleitet
dazu, die Zeit falsch einzuschätzen. Schon wieder geraten wir im Urlaub in Termindruck, doch wir sind um viele Erkenntnisse
reicher und können uns zum Beispiel mit Thomas Mann trösten, der schon auf Seite zwölf des Readers zitiert wird: »Zeit, sagt man,
ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher.«