Peter Vollbrecht, geb. 1953 in Berlin. Die Kindheit und Jugend verlebte ich in Norddeutschland. Nach dem Abitur zog es mich - wohl einer romantischen
Hermann-Hesse-Laune folgend - in eine süddeutsche Universitätsstadt. In Heidelberg studierte ich Philosophie, Germanistik und Geschichte. Als Referendar war ich später
dann nicht sehr erfolgreich, mir sind vor allem tobende Klassen, hierarchische Lehrerzimmer und meine Personalnummer in Erinnerung geblieben, die ich mir zuhause an die Tür nagelte: “Das bist du nun!”
Nach diesem pädagogischen Experiment promovierte ich 1988 über Das Poetische und das Diskursive - Untersuchungen über den Unterschied literarischer und philosophischer Sprache
am Beispiel von G.W.F. Hegel und Paul Celan. Mich hatte immer schon die philosophische Grenzgängerei interessiert, die unscharfen Ränder, an denen sich die
interessantesten Fragen sedimentieren. Wer ist näher an der Wahrheit, der philosophische Begriff oder die poetische Metapher? Über dieser Alternative brütete ich
nun drei Jahre lang. Das Ei, das ich dann legte, ist eine komplizierte, trockene und ermüdende Zumutung für jeden Leser. Finger weg davon!
Aus dem akademischen Tiefschlaf weckte mich dann eine Stellenausschreibung für ein
DAAD-Lektor für deutsche Sprache und Kultur an der University of Delhi. Von 1988 - 1993 lehrte und lebte ich nun Indien. Hier lernte ich,
daß mein Dissertationsthema den indischen Kollegen völlig unkommunizierbar war, und so setzte ich neue Schwerpunkte, um dem
akademischen Elfenbeinturm zu entkommen. Wir diskutierten damals leidenschaftlich postmoderne Theorien, die wir als einen
postkolonialen Diskurs lasen. Etwas wehmütig erinnere ich mich jener Zeit. Und dankbar bin ich meinen indischen Kollegen, Freunden
und Bekannten für die vielen Anregungen. Sie haben mich etwas sehen lassen, sie haben mich beschenkt, sie haben mich bereichert.
Nach der Rückkehr nach Deutschland war ich - neben kleinen Lehraufträgen in Heidelberg - von
1994-1996 in einem kulturwissenschaftlichen Forschungsprojekt in Bayreuth zum Thema Toleranz tätig. Diese zweieinhalb Jahre haben mir den Abschied von der Universität sehr erleichtert.
Denn hier erlebte ich die Schattenseiten der Universität in potenzierter und sicherlich nicht repräsentativer Art: Borniertheit, Engstirnigkeit, akademische Scharlatanerie, professorale
Eitelkeit bis zur Lächerlichkeit, und als Resultat von allem ein völliges Scheitern des Projektes.
So besann ich mich auf einen alten Plan, der in den Bayreuther Jahren kontinuierlich herangereift
war und gründete 1997 mein eigenes Institut. Endlich war ich frei und wirklich unabhängig. Eine eigene ökonomische Existenz, so sagte ich mir damals im Enthusiasmus der Gründerstimmung,
hat für sich schon den ideellen Wert eines kleinen Grundgehaltes. Allein, es musste ja auch verdient werden, - der Anfang war äußerst schwierig und frustrierend. Ich erinnere noch, wie
ich meine Programme in Briefkästen warf, vor der Stuttgarter Oper den Konzertgängern in die Hand drückte und in verschiedensten
Geschäften und öffentlichen Institutionen auslegte. Doch bis auf einige wenige Anrufe blieb das Telefon still. Wo liegt der Fehler? fragte
ich mich. Nach und nach dämmerte mir: die Hemmschwelle ist zu hoch. Ein anonymerer, öffentlicher Ort musste gefunden werden, ein
Ort, wo man hineinschnuppern könnte und von dem man sich anstandslos wieder hinwegstehlen könnte. So entstand die Idee des
philosophischen Cafés. Das erste entstand 1997 in Stuttgart, dem dann schnell weitere folgten.
Aus den philosophischen Cafés sind dann einige Jahre später die philosophischen Reisen entstanden. Und damit habe ich das Produkt
entworfen, das ich mit meiner Person voll und ganz ausfüllen kann. Denn ich bin selber sehr gern unterwegs. Mit dem freien
Philosophieren an wunderschönen Plätzen habe ich mir meinen Lebenstraum verwirklicht. Das ist leicht hingeschrieben, aber dahinter
steht nicht nur der dornige Weg der ersten schwierigen Aufbaujahre, nein, auch mein gesamter Lebensweg führt irgendwie dorthin, so als
ob es eine konsequente, verborgene Entwicklungslinie gebe. Das Philosophische Forum ist heute eine kreative Spielwiese, auf der ich
Ideen entwickle und realisiere. Aus einer Leidenschaft einen Beruf machen - kann es etwas Schöneres geben?
Das Philosophische Forum ist heute auf einem sehr guten Kurs. Wohin die Reise geht, das bestimmen auch die Teilnehmer aller Veranstaltungen mit: durch ihr Interesse und ihr Wort.
Die Existenz als selbständiger Philosoph ist gleichwohl schwierig. Man benötigt eine große Standfestigkeit, ein beträchtliches Maß an
Selbstvertrauen, eine extrem hohe Frustrationstoleranz und eine robuste Gesundheit. Ständig muss man sich neu erfinden. Ein
achtsames Ohr ist an die Motive und Wünsche der Teilnehmer zu halten und mit den eigenen intellektuellen Bedürfnissen zu synchronisieren.
Die Zukunft soll weitere Zeitdividenden erbringen. Sie gehören meinen beiden Kindern Anjali und Luca sowie meiner Lebenspartnerin.